„Mein Name klickt halt gut“: Antonio Rüdiger über das Social-Media-Geschäft. © ALEXANDER HASSENSTEIN/AFP
Winston-Salem – Antonio Rüdiger ist Muslim. Bekennender Muslim. Aus seiner Erfahrung weiß er: Da schauen und hören viele hin, wie er sich äußert.
Felix Nmecha ist Christ. Evangelikal ausgerichtet, freikirchlich. Von ihm gibt es Äußerungen, die als befremdlich empfunden werden. Viele sind sensibilisiert für sein Social-Media-Verhalten. Und Deutschland diskutiert seit dem Schlussbild des ersten Spiels (7:1 gegen Curacao) über den Kreis, den er mit Jonathan Tah und drei Spielern der gegnerischen Mannschaft gebildet hatte. Der Bibelkreis als Marketinginstrument für den Glauben?
Was denkt Antonio Rüdiger, der Allah grüßt, über Felix Nmecha, der sein Wirken als im Dienste von Jesus Christus bezeichnet? Könnte daraus möglicherweise ein Konflikt erwachsen?
Diese Gefahr besteht nicht. „Wir haben Meinungs- und Glaubensfreiheit“, sagt Rüdiger. Grundsätzlich sei Religion „etwas Persönliches“, etwas, das jeder zunächst mit sich selbst ausmachen solle. An der Aktion von Felix Nmecha findet Antonio Rüdiger „nichts Falsches. Es waren doch schöne Bilder, oder? Und sie sind um die Welt gegangen.“ Das stimmt: Die Wirkmacht des Bildes, das eine mannschaftsübergreifende Gemeinschaft zeigt, ist stark. Und das Bild gab den Anlass für Berichterstattung allüberall.
Die Botschaft, die von außen wahrgenommen wird, spielt im Innenleben der deutschen Mannschaft aber keine große Rolle. Das Gebet von Felix Nmecha wurde weder von Julian Nagelsmann noch von Mitspielern thematisiert, so Antonio Rüdiger. „Thema war eher die geile Leistung von Felix.“ So wie der DFB sich entschieden hat, in den USA politische Äußerungen zu unterlassen, ist im Team der Glaube kein Thema, das trennen soll. Rüdiger liest im Islam, Jonathan Tah richtet sich nach der Bibel – dennoch können sie „zusammen lachen, manchmal tanzen wir auch zusammen. Wir spielen seit 2016 zusammen, gehen respektvoll miteinander um“. In der DFB-Hierarchie ist Real-Madrid-Innenverteidiger Rüdiger zurückgefallen hinter Tah, sie sind sportliche Rivalen – dennoch versichert Antonio Rüdiger: „Jona ist der neue Chef.“
Rüdiger als der langjährige Platzhirsch muss damit klarkommen, dass seine Spiele auf der Ersatzbank beginnen. Er muss es akzeptieren. „Das ist für einen Fußballer nicht einfach, aber in der Nationalmannschaft was anderes als im Verein.“ Es ist für eine begrenzte Zeit – in der viel zu gewinnen ist. Auch für die Randfiguren.
Es war nicht hundertprozentig sicher, dass er bei der WM dabei sein würde. Weil die Emotion manchmal mit ihm durchgeht, votierten auch Experten dafür, auf ihn zu verzichten. Er versucht es noch gelassen zu nehmen: „Mein Name klickt gut.“ Etwa so wie Felix Nmecha.GÜNTER KLEIN