Winston-Salem – Deutschland gegen die Elfenbeinküste – für Jonathan Tah ist es ein besonderes Spiel, das am Samstag in Toronto stattfinden wird. Er spielt für das eine Land, doch dem anderen „fühle ich mich verbunden. Ich kenne von dort auch einige Spieler.“ Tah steht für eine Realität im Fußball: Viele Kicker haben Migrationshintergrund, wenn sich abzeichnet, dass sie Spitzenkräfte werden, steht für sie die Entscheidung an, welches Land sie repräsentieren wollen. Auch Tah musste überlegen. Er fand, er entstamme der deutschen Fußballkultur, das sei das stärkere Argument. Der DFB umgarnte ihn früh, berief ihn in die U-Teams, zeichnete ihn aus mit der Fritz-Walter-Medaille für die hoffnungsvollsten deutschen Talente.
2002 in Südkorea hatte die deutsche Mannschaft erstmals einen in Afrika geborenen Spieler in ihren Reihen: Gerald Asamoah. Er war mit zwölf Jahren aus Ghana nach Hannover gekommen. Als er unter dem Teamchef Rudi Völler ins DFB- Trikot schlüpfte, war das noch ein ungewohntes Bild. Farbige Nationalspieler hatte es zuvor nur zwei gegeben: Erwin Kostedde und Jimmy Hartwig, beide Söhne von amerikanischen Soldaten, ihre Zeit war in den 1970er-Jahren. Die Medien nannten Asamoah „Deutschlands schwärzesten Nationalspieler“. Nett gemeint, aber ungelenk.
Im deutschen WM-Kader 2026 stehen acht Spieler mit mindestens einem Elternteil, das einst aus Afrika gekommen ist. Doch sie sind alle deutsche Großstadtkinder, geboren in Hamburg (Tah, Felix Nmecha), Berlin (Antonio Rüdiger), Düsseldorf (Malick Thiaw), Stuttgart (Jamal Musiala), Essen (Leroy Sané), Mülheim an der Ruhr (Assan Ouedraogo), Nürnberg (Jamie Leweling). Neben Tah bekamen auch Rüdiger und Ouedraogo die Fritz-Walter-Medaille überreicht, alle tauchten sie in den Nachwuchskadern auf. Doch sie hatten Optionen: Nmecha und Musiala könnten ihrer Väter wegen für Nigeria auflaufen (bei dieser WM nicht dabei), auch England wäre möglich, wo sie ihre fußballerische Ausbildung erhielten. Sané und Thiaw standen auf der Liste von Senegal (Thiaw ist seiner Mutter wegen zudem finnischer Staatsbürger), Leweling wäre im ghanaischen Trikot vorstellbar – sie alle könnten bei dieser WM auch für ein anderes Team auflaufen. Ouedraogo (Burkina Faso) und Rüdiger (Sierra Leone) hätten es mit ihrer Zweitnation schwer gehabt, bei einer WM zu spielen.
Thematisiert werden die afrikanischen Wurzeln der DFB-Spieler kaum noch. Akteure wie Tah, Rüdiger und Sané sind schon seit über zehn Jahren Bestandteil des deutschen Nationalteams.GÜNTER KLEIN