Im Sitzkreis: Achtklässler debattieren im Klassenzimmer. Das kann künftig eine Schulaufgabe ersetzen. © Uwe Anspach/pa
München – Debatten, Podcasts, sogar selbst entwickelte Stadtführungen – an Bayerns Schulen soll es ab dem nächsten Schuljahr neue Prüfungsformen geben. In Zusammenarbeit mit dem Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB) hat das Ministerium circa 40 Praxisbeispiele für „innovative Leistungserhebungen“ entwickelt, 15 weitere sind bereits in Arbeit. An Noten wird jedoch festgehalten, die Zahl der vorgeschriebenen Prüfungen nur vereinzelt reduziert. Auch eine Abschaffung der Ex, die in einer Petition gefordert worden war, kommt für Kultusministerin Anna Stolz (FW) weiterhin nicht infrage. Durch die Entwicklung der KI und den digitalen Wandel generell seien jedoch auch die Schulen herausgefordert, stellt sie fest. Daher müsse „die Prüfungskultur weiterentwickelt“ und „Spielräume für innovative Leistungsnachweise geschaffen“ werden. Das Ministerium nennt einige Beispiele:
In der Grundschule wird beispielsweise für die 3./4. Klasse die Erarbeitung eines ein- bis dreiminütigen Podcasts zu einem mathematischen Thema vorgeschlagen.
In der Mittelschule könnte als Projekt in der 7./8. Klasse im Fach Englisch eine Stadtführung durch die eigene Heimatstadt in Kleingruppen erarbeitet werden. Die Leistungserhebung beinhaltet die Recherche zu etwaigen Sehenswürdigkeiten und die Erstellung eines Drehbuchs, also den praktischen Ablauf der Führung. Das Ganze natürlich auf Englisch. Zählen würde das dann wie eine Schulaufgabe.
In der Realschule schlägt das Ministerium vor, im Fach Deutsch in der 8./9. Klasse eine Debatte mit vorgeschalteter KI-Recherche durchzuführen. Der Lehrer gibt ein Thema vor, zum Beispiel der Klimawandel. Mit KI-Anwendungen wird recherchiert und am Prüfungstag Debattengruppen per Losverfahren bestimmt. In der Prüfungsstunde bekommen sie dann die Streitfrage gestellt: Sollen Fernreisen mit dem Flugzeug zum Schutz des Klimas teurer werden? Je zwei Jugendliche sollen dabei die Pro- oder Contra-Position vertreten. In einer Eröffnungsrunde begründet jeder Debattenteilnehmer seinen Standpunkt. Es folgt eine freie Aussprache und eine Schlussrunde mit einer erneuten Begründung des eigenen Standpunkts unter Bezugnahme auf die Argumente der anderen.
Im Gymnasium könnte in der 5. Klasse Deutsch prozessorientiertes Schreiben stattfinden. Das bedeutet: Die Schulaufgabe besteht aus zwei Schreibdurchgängen an zwei verschiedenen Terminen, jeweils etwa 45 bis 60 Minuten lang. Zuerst schreiben die Schüler einen Aufsatz zu einem vorgegebenen Thema. Die Lehrkraft gibt Rückmeldung, achtet auf verschiedene Satzanfänge, einheitliche Zeitform und die gewählten Adjektive. In einem zweiten Schreibdurchgang überarbeiten die Schüler den Aufsatz auf Grundlage dieses Feedbacks. Beide Schreibdurchgänge bilden eine Gesamtnote. Durch die „Überarbeitung wird ein nachhaltiger Lerneffekt gefördert“, betont das Ministerium.
Alle 40 Beispiele finden sich auf der ISB-Homepage. Unterstützung kommt von den Lehrerverbänden. Der Bayerische Philologenverband begrüßte die Neuerungen: ein „wichtiger erster Schritt“, so Verbandschef Michael Schwägerl. Die Frage ist indes, ob die Lehrer statt der traditionellen Ex die Innovationen auch aufgreifen werden. Im Ministerium betont man nämlich: Das ist alles freiwillig, keine Schule wird gezwungen. In der Regel werde wohl die Fachschaft oder die Lehrerkonferenz „Leitplanken“ vereinbaren. Man gehe davon aus, nach einer gewissen Zeit auch einige Innovationen zur Pflicht zu machen. Um den Lehrern Freiräume zu geben, fallen einige Pflicht-Prüfungen weg: So sind in der Realschule künftig nur noch zwei statt drei kleine Leistungsnachweise pro Halbjahr vorgeschrieben. Auf dem Gymnasium reduziert sich die Zahl der Pflicht-Schulaufgaben in Deutsch (Klasse 5 bis 8) sowie in Mathematik (9. Klasse) von vier auf drei.DIRK WALTER