Neufahrn heute: Zäune verhindern die Abkürzung über die Gleise.
Die S-Bahn zäunt sich ein
München – „Personen im Gleis“ – diese Warnmeldung kennt wohl jeder S-Bahn-Pendler. Oft muss die gesamte Stammstrecke gesperrt werden, bis die Bundespolizei die Person von den Gleisen geholt hat. Aber auch in den Außenbereichen sind Betrunkene oder verwirrte Personen auf den Gleisen keine Seltenheit. Im März musste eine S8 zwischen Leuchtenbergring und Daglfing sogar eine Schnellbremsung hinlegen, weil ein Pärchen aus unerfindlichen Gründen auf dem Gleis stand – und zwar so lange, bis sie die Polizei mitnahm.
Dagegen will sich die S-Bahn verstärkt wappnen – indem sie die Gleise einzäunt. „Das Thema Personen im Gleis steht im Fokus“, sagt ein Bahnsprecher. Etwa 360 Fälle gibt es im Jahr – rechnerisch gesehen etwa einen pro Tag. Die Stammstrecke ist schon seit Längerem weitgehend eingezäunt. Zunehmend werden von der Qualitätsabteilung der S-Bahn, die die Häufung von Störfällen auswertet, auch auf den Außenästen Gefahrenschwerpunkte identifiziert. „In den letzten Jahren konnten an zahlreichen weiteren Hotspots, über 30, außerhalb der Stammstrecke Zäune auf einer Länge von über 13 Kilometern entlang der Gleise errichtet werden“, so der Sprecher. Allein im vergangenen Jahr entstanden über 5,5 Kilometer neue Zäune. Zuletzt war beispielsweise Puchheim an der S4-Strecke an der Reihe: Dort gab es bisher einen leicht überwindbaren Maschendrahtzaun, der an mehreren Stellen umgebogen war und eines der drei Gleise vom P+R–Parkplatz abgrenzte.
Nachdem jedoch eine Autofahrerin beim Einparken in den Zaun gerast und aufs Gleis geraten war, hat die Bahn im vergangenen Jahr einen festen Zaun aus Metallstäben montiert. Insgesamt haben rund 20 Prozent der S-Bahn-Stationen Zäune. In diesem Jahr sollen im Bereich Tutzing an der S6 und in Holzkirchen (S3) Zäune entstehen.
Weil die Bahn durch die Zäune auch Abkürzern den Weg verbaut, finden die Zäune nicht immer Anklang. Im vergangenen Jahr wurde ein Zaunbauer vor Ort bedroht und sogar angegriffen. „Es ist schon verrückt. was sich da abspielt“, so der Sprecher. Kurze Zeit später war der neue Zaun mutwillig zerstört. Hermetisch abriegeln lassen sich die Bahngleise nicht. Das Streckennetz der S-Bahn ist 434 Kilometer lang. Es würde zu weit führen, alles abzuriegeln. An Bahnübergängen und Bahnsteigen geht das ohnehin. Auch Aufklärung etwa an Schulen hat gewisse Grenzen. Und Strafen – die Gefährdung des Eisenbahnbetriebs ist eine Straftat, die mit Gefängnis geahndet werden kann – schrecken offensichtlich kaum ab. Das Pärchen, das sich im März am Leuchtenbergring auf den Gleisen aufhielt, erhielt eine Anzeige und wurde nach Feststellung der Personalien wieder entlassen.DIRK WALTER