Familie nach Abschiebung obdachlos

von Redaktion

Eine Nacht im Park in Sofia: Nach der Abschiebung in Bulgarien waren die Ghiassis erst mal obdachlos. © privat

Unterhaching – Drei Jahre lang haben Abdul Basir Ghiassi und seine Familie versucht, sich ein Leben in Bayern aufzubauen. Sie haben Deutsch gelernt, die vier Kinder gingen in die Schule, er fand eine Arbeitsstelle, seine älteste Tochter hätte bald eine Lehre begonnen. All das war umsonst. Denn Anfang Juni stand die Polizei in der Flüchtlingsunterkunft in Unterhaching (Kreis München), in der die Familie lebte. Die Ghiassis wurden aus dem Schlaf gerissen, mussten innerhalb weniger Minuten ihre paar Habseligkeiten zusammenpacken – das, was in ein paar Taschen und Kartons passte. Dann wurden sie zum Flughafen gefahren und in einen Flieger nach Bulgarien gesetzt. Dort verbrachten sie die erste Nacht im Park. Nur dank der Hilfe aus Bayern haben sie inzwischen ein Dach über dem Kopf. Doch die Obdachlosigkeit droht ihnen immer noch.

Der Fall der Ghiassis hatte zuvor nicht nur die Behörden, sondern auch das bayerische Verwaltungsgericht beschäftigt. Juristisch ist die Lage aus deren Sicht eindeutig. Die Familie war im Sommer 2021 überstürzt aus Afghanistan geflohen. Abdul Ghiassi hatte in seiner Heimat als Ortskraft für die deutschen Soldaten gearbeitet und war durch die Machtübernahme der Taliban in großer Gefahr. Die Familie strandete in der bulgarischen Hauptstadt Sofia und kam von dort nicht weiter. Sie wollten zwar nicht in dem Land bleiben, mussten dort aber nach drei Monaten Asyl beantragen. Der Vater fand Arbeit, doch der Lohn reichte nicht, um seine Familie zu versorgen. So erzählte er es später der Unterhachinger Asylhelferin Franziska Kindsmüller. Die vier Kinder, heute zwischen acht und 16 Jahre alt, durften zwar eine Schule besuchen, aber allein die nächste Bushaltestelle sei viele Kilometer entfernt gewesen. Deshalb schlugen sie sich nach 17 Monaten bis nach Deutschland durch, landeten in einer Unterkunft in Unterhaching. Die Familie sei perfekt integriert und kurz davor, auf eigenen Beinen zu stehen. Juristisch hilft ihr das aber nicht. Denn nach der sogenannten Dublin-Verordnung ist das EU-Land für das Asylverfahren zuständig, in dem Geflüchtete erstmals registriert wurden. Deshalb entschied das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, dass die Ghiassis dorthin ausreisen müssen. Sie klagten zwar dagegen – bekamen aber kein Recht.

„Der Richter hatte ihnen aber noch versichert, so bald würden sie nicht abgeschoben“, berichtet Franziska Kindsmüller. Das war am 22. Mai. Anfang Juni stand dann die Polizei vor der Tür. Zwei Wochen, bevor die älteste Tochter Khadija die Abschlussprüfung an der Mittelschule geschrieben hätte. Für Herbst hatte sie bereits eine Ausbildungsstelle in einer Münchner Zahnarztpraxis. Dort will man ihr die Stelle noch etwas freihalten – in der Hoffnung, dass sich noch ein Weg zurück nach Bayern für die Ghiassis auftut. Auch die Schule will ihr ermöglichen, die Prüfungen nachzuholen.

Der Helferkreis hofft auf eine mögliche Einreise mit Arbeitsvisum. Aber auch das könnte juristisch schwer werden. Denn für die Familie gilt eine 30-monatige Wiedereinreisesperre. Den Asylhelfern ist es gelungen, über Spenden eine vorübergehende Unterkunft für die Familie in Sofia zu bezahlen. „Damit sie nicht obdachlos sind“, sagt Kindsmüller. Dauerhaft können sie das aber nicht finanzieren. Auch mit den Hilfsorganisationen vor Ort sind sie in Kontakt. Die Ghiassis sprechen kein Bulgarisch. „Sie sind ohne jede Anlaufstelle.“ Kindsmüller weiß, dass die Rückkehr nach Bayern sehr unwahrscheinlich ist. Trotzdem hat sich der Helferkreis juristischen Rat geholt und Politiker um Unterstützung gebeten.

Unter anderem die Unterhachinger Landtagsabgeordnete Claudia Köhler (Grüne). Das Fachreferat ihrer Fraktion hat sich im Innenministerium nach dem Fall erkundigt. Auch wenn er juristisch eindeutig ist, kann Köhler nur den Kopf schütteln. „Hat unser Land es wirklich nötig, Kinder im Morgengrauen abzuschieben? Und dann noch zwei Wochen vor dem Schulabschluss?“, fragt sie. Deutschland suche Arbeitskräfte im Ausland und reiße gleichzeitig gut integrierte Menschen aus dem Arbeitsmarkt. Mit einem humanen Blick hätte man die Kinder hier noch ihre Ausbildung beenden lassen können, kritisiert Köhler, betont aber auch: „Solche Fälle gibt es in Bayern inzwischen aber fast jede Woche. Es sitzen eben nicht nur Straftäter in den Abschiebeflugzeugen.“

Artikel 2 von 11