Mit Löwenschwanz in der Hand: Dieter Schön bei der Arbeit.
Er lässt tote Tiere lebendig aussehen: Dieter Schön ist Präparator. Braunbär Bruno im Museum Mensch und Natur ist sein berühmtestes Exponat. © Marion Brucker (2)
München – Heute vor 20 Jahren ist Bayerns Problembär Bruno erschossen worden. Für Dieter Schön ging das Bruno-Kapitel in seinem Berufsleben damit gerade erst los. Denn der Aufschrei der Tierschützer war groß, der damalige Umweltminister Werner Schnappauf (CSU) erhielt sogar Morddrohungen. Und auch um die Sicherheit des Präparators sorgte sich das Ministerium. Höchste Geheimhaltung war nötig. „Ich musste immer wieder die Verkehrsmittel wechseln“, erinnert sich Schön. In dem Dreivierteljahr, in dem er Bruno fürs Museum präparierte, fuhr er mal öffentlich, mal mit dem Auto zu dem Institut im Münchner Umland, wo er in einem stillgelegten Gebäudeteil arbeiten konnte. Selbst die Menschen am Institut fragten ihn, was er da mache. Er musste sich Erklärungen einfallen lassen. Nur fünf Beamte wussten, dass er Brunos Präparator war.
Seit Frühjahr 2008 ist Bruno im Münchner Museum Mensch und Natur zu sehen. Er steht dort in einer Vitrine und ist damit beschäftigt, einen Bienenstock zu plündern. Diese Szene hatte sich in Kochel genau so abgespielt. Deshalb ist Schön damals zu dem Bienenzüchter gefahren. Er fotografierte alles ab – auch das umgeknickte Apfelbäumchen, dessen Nachbildung heute in der Vitrine zu sehen ist. Ein komplettes Bienenvolk musste für die Szene präpariert werden. Es stammte von einem oberbayerischen Züchter, dessen Volk im Winter verendet war. Eine sehr aufwendige Arbeit, erzählt Schön. Eine Mitarbeiterin und ein Praktikant mussten schätzungsweise 6000 Bienen in Position bringen.
Heute ist Dieter Schön 65 und sitzt entspannt in seiner Wirkungsstätte gleich hinter dem Museum. Vor ihm steht eine Rohrdommel mit aufgeplustertem Federkleid. Sie stammt von der Staatlichen Vogelschutzwarte, der zentralen ornithologischen Fachstelle des Landesamts für Umwelt in Garmisch-Partenkirchen. Der Vogel war tot aufgefunden worden. „Geschossene Tiere haben wir im Museum so gut wie nie“, sagt er. „Und wenn, dann natürlich nur legal geschossene.“ Die Rohrdommel ist das jüngste Objekt, das er präpariert hat. Das Federkleid des Gefieders legte er mit einer Pinzette Feder für Feder in Position. Fünf Stunden lang, eine Wahnsinns-Geduldsarbeit. Schnabel und Fußknochen der Rohrdommel sind echt, er benutzt aber immer Glasaugen. Den Körper hat er aus Kunststoff nachmodelliert und in Beine und Flügel Draht eingeführt. So kann das Tier später in eine natürliche Position gebracht werden. Doch bevor es so weit ist, muss er die Haut in eine Lösung einlegen, die sie vor Mottenbefall schützt.
Mitten im Raum liegt ein präparierter Löwe aus dem Naturkundemuseum Bamberg. Im abgebrochenen Schwanz sind Draht und Holzwolle zu sehen. Er wird den Schwanz wieder festnähen und die gebrochenen Stellen im Leder schließen. Bei optimalen Bedingungen können präparierte Tiere mehrere hundert Jahre alt werden – wenn sie gut vor Motten, niedrigen Temperaturen und Luftfeuchtigkeit geschützt werden.
Rund 500 tote Tiere lagern in den Kühltruhen des Hygienebereichs des Museums, der streng abgeteilt von Schöns Präparationswerkstatt ist. Ein Präparator brauche eine gute Feinmotorik, gestalterisches Gespür und viel Geduld, sagt Schön. Er war schon als Kind von dem Beruf fasziniert. Nach der mittleren Reife machte er die Ausbildung in Niederbayern, arbeitete später auch im Ausland und machte sich schließlich als Präparator und Modellbauer selbstständig. Als er erfuhr, dass das Museum Mensch und Natur neugebaut wird, bewarb er sich. Bruno wurde 2007 dann sein erstes Projekt. In den vergangenen 20 Jahren hat er rund 100 Tiere präpariert. Meist baut er Modelle für Ausstellungen. Einmal musste er für eine Sonderausstellung in Halle zwei Mammuts und drei Höhlenlöwen rekonstruieren. In Originalgröße. „Die Mammut-Kuh hat eine Schulterhöhe von drei Metern, mit Kopf und dem Rüssel ungefähr 4,50 Meter. Das ist schon ein Riesenbrocken.“
Einen großen Traum hat Schön noch: Er will noch ein anderes Tier aus Urzeiten nachbauen: das ausgestorbene Wollnashorn. Vielleicht wird er das im Ruhestand nächstes Jahr angehen, ein wenig möchte er dann nämlich noch als Präparator weiterarbeiten. Ob ihm das Wollnashorn so viel Aufmerksam bringen könnte wie Bayerns berühmtester Braunbär, weiß er nicht. Ist ihm aber auch nicht wichtig. Er liebt einfach seine Arbeit – egal, um welches Tier es geht.