Politiker mit Dialekt im Vorteil

von Redaktion

Studie bestätigt: Mit heimischen Zungenschlag sammelt man Prozente

Pflegt das Bairische: Max Bertl, Bürgermeister in Steingaden. © Klaus Haag

München – Max Bertl spricht jeden Tag Bairisch. Daheim und im Rathaus als Bürgermeister von Steingaden im Kreis Weilheim-Schongau. „In sechs Jahren politischen Daseins hat mir der Dialekt nie geschadet“, sagt der 33-Jährige. „Im Gegenteil, damit sammelt man bei vielen Bürgern Sympathiepunkte. Da verstellt man sich nicht.“ Nach Heimat, Tradition und Identität – so fühlt sich Bairisch an. Wie „dahoam“ halt. Zumindest für all jene, die des Dialekts mächtig sind.

Eine neue Studie bestätigt jetzt, was Dialektsprecher Max Bertl wohl schon immer geahnt hat: Die Bürger möchten in der Politik gerne von jemandem vertreten werden, der ebenfalls ihren Dialekt spricht. Die Politikwissenschaftler Martin Gross von der Ludwig-Maximilians-Universität München und Constantin Wurthmann von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz haben 1200 Deutsche befragt. Gut 43 Prozent gaben über sich selbst an, Dialekt zu sprechen. Dieser Anteil entspricht Statistiken, laut denen zwischen 40 und 60 Prozent der Deutschen die Mundart hochhalten.

Dass Sprache und Rhetorik von Politikern zentral dafür sind, wie sie vom Bürger verstanden werden, ist nachgewiesen. Welche Rolle aber Dialekt spielt, darüber ist wenig bekannt. In Ländern wie Spanien, wo auch Katalanisch – eine Brückensprache aus Spanisch und Französisch – gesprochen wird, beschäftigen sich Politologen mit solchen Fragen. Gross und Wurthmann rücken den Wähler in den Vordergrund: „Jemand, der so spricht wie ich, der kommt von hier, der kennt vielleicht auch meine Bedürfnisse in einem größeren Maße“, schlussfolgert Gross aus dem ersten Umfrageergebnis. „Da schwingt beim Wähler die Hoffnung mit, dass seine Sorgen und Nöte vor Ort dann in den politischen Prozess Eingang finden.“

Dating-Apps starten regelmäßig Umfragen darüber, als wie ‚sexy‘ bestimmte Dialekte wahrgenommen werden. „Wir haben uns dagegen gefragt, inwieweit regionale Dialekte zum besseren Verständnis von Politik beitragen“, sagt Gross. Inspiration waren auch die Politiker selbst: Markus Söder fränkelt gerne mal und Hubert Aiwanger, ja, der lebt breiten Dialekt – wobei der „Aiwanger-Sprech“ ja ein Hochdeutsch ist, das sich nicht gegen niederbayerischen Zungenschlag wehrt. Auch Cem Özdemir (Grüne) punktet mit schwäbischer Mundart. Dabei fällt Gross als gebürtigem Schwaben auf: „Özdemir schwäbelt deutlich mehr, wenn er bei uns im Wahlkampf ist, als in Berlin.“

Dialekt zeugt zuhause von Vertrauen und Zusammengehörigkeit, hat in Berlin aber ein Imageproblem. Die meisten Bundespolitiker sprechen Standarddeutsch, um erstens verstanden und zweitens als nicht weniger kompetent und gebildet wahrgenommen zu werden. Vielleicht keimt daraus das zweite Ergebnis der Studie: Generell fühlen sich Dialektsprecher signifikant weniger gut in der Politik vertreten. Das ist ein Problem: Sich nicht gehört zu fühlen, verstärkt Unzufriedenheit und schwächt Vertrauen in Institutionen.

Egal, welches Alter, Geschlecht und welchen Bildungsgrad die Befragten hatten. Egal, ob sie sehr ländlich leben oder in der Stadt. Egal, in welchen ökonomischen Verhältnissen und wie (un)zufrieden sie demnach mit ihren Lebensumständen sind. All das hat bei der Umfrage am Dialekt-Effekt nicht gerüttelt. Beide Ergebnisse gelten sogar parteiübergreifend. Als Nächstes wollen die Forscher nach der Konsequenz fragen: Wie wirkt sich der Dialekt-Effekt auf das Wahlverhalten aus? Der Wähler honoriert ja nicht die Mundart allein – auch Alter, Geschlecht, Bildungsgrad und Beruf von Kandidierenden.

Bairisch, Wienerisch und Berlinerisch gelten im deutschsprachigen Raum oft als die attraktivsten Dialekte. Schlusslicht ist oft Sächsisch. Ob es also auch mit Blick auf die politische Repräsentation Dialekte gibt, die per se einfach schlechter abschneiden, ist eine weitere Frage. „Mit dem Sächsischen werden noch immer sehr abwertende Stereotype verbunden: Sächsisch sei gleich ostdeutsch, und Ostdeutsche wären angeblich per se rechtsradikal“, erklärt Gross. In den USA schere man gerne alle Texaner über diesen Kamm. Bairisch hat dagegen einen besseren Ruf, glaubt Gross.

Bodenständigkeit und Gemütlichkeit sind positive Zuschreibungen, Provinzialität und das „Bierzelt-Klischee“ negative. Ein Bayer war noch nie Kanzler. Es liegt wohl nicht am Dialekt.CORNELIA SCHRAMM

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