INTERVIEW

„Man lenkt auch mit dem Bauch“

von Redaktion

Fregattenkapitän a. D. Jürgen Weber (72) verrät, warum Bayern untertauchen

Jürgen Weber kommandierte das U-Boot U 23 (o. re.) und war vier Staffeln lang Berater für die Fernsehserie „Das Boot“. © Martin Hangen (2), privat

Die U-Boot-Kameradschaft München besteht aus 48 Bayern, die zur See gefahren sind – unter der Wasseroberfläche. Jetzt feiert der Verein seinen 100. Geburtstag. Ein guter Grund, den Vorsitzenden Jürgen Weber aus seiner Laufbahn erzählen zu lassen. Weber kommt aus Westfalen, wurde 1992 nach München versetzt und ist seitdem mit ganzem Herzen ein Bayer auf Tauchfahrt. Wir trafen ihn beim Stammtisch im Kreis der Kameraden.

Herr Weber, wie kommen 48 Bayern zur Marine?

Leute aus dem Binnenland gehen gerne zur Marine. Das Fernweh zieht sie dahin. Sachsen und Bayern waren dort schon immer stark vertreten. In meiner Mannschaft waren nur zehn Prozent der Teilnehmer von der Küste. Und auf U 27, auf dem ich in den 80er-Jahren gefahren bin, waren von 22 Mann Besatzung 13 Bayern.

Wie weit haben es die U-Boot-Kameraden München auf See gebracht?

Das ist verschieden. Wir sind Offiziere und Unteroffiziere verschiedener Verwendung, wie Navigation und Schiffstechnik, sowie Smuts, Funker und ein Tauchboot-Pilot. Ich selbst war Kommandant auf zwei Booten, U 23 und U 10.

Für die deutsche Marine gibt es seit 80 Jahren keinen Ernstfall. Was machen U-Boote eigentlich?

Während des Kalten Kriegs waren unsere Einsatz- und Übungsgebiete die Nordsee, die Norwegensee und die Ostsee. Im Ernstfall wäre es ja unsere Aufgabe gewesen, vor den Ostseehäfen der UdSSR auslaufende Schiffe anzugreifen. Seit 1990 abgerüstet wurde, sagen Spötter, die Marine sei zur Entenpolizei degradiert worden. Von 1972 bis 1975 wurden 18 neue U-Boote zum Stückpreis von 60 Millionen Mark beschafft. So ist das heute nicht mehr.

Wie eng ist es wirklich in einem U-Boot?

An den Geruch, wenn 22 Männer unter Wasser zusammen sind, gewöhnt man sich. An Bord gibt es natürlich eine Dusche. Aber wer sie benutzt, riecht nach drei Minuten wieder genauso wie die anderen. Aber im Ernst, es funktioniert. Man lernt nirgends so gut Toleranz und Teamwork wie in einem U-Boot.

Muss ein U-Boot-Seemann besonders hart sein?

Einerseits muss man gesund sein, andererseits gibt es für Bewerber einen Eingangstest, bei dem auch Psychologen dabei sind. Leute mit Klaustrophobie bewerben sich erst gar nicht. Ich habe in all den Jahren nur einen Fall von Platzangst erlebt. Der junge Mann sah sich ständig panisch nach dem Schiffstechnischen Offizier um. Wir haben ihm klargemacht, dass wir so alle nicht glücklich werden und er wurde versetzt. Durchhaltevermögen braucht man in der gesamten Marine. Aber es stimmt, als Raucher muss man schon hart sein (lacht). 14 Tage unter Wasser ohne Zigarette oder Pfeife ist fies.

Wenn das Boot auftaucht, um Luft zu tanken, könnte die Besatzung doch kurz ins Freie …

Das Boot taucht ja nicht auf. Es geht nur täglich mehrfach auf Sehrohrtiefe, damit die Dieselmotoren über den Schiffsschnorchel Verbrennungsluft saugen und Frischluft ins Boot kommt. Da kann man nicht an Deck gehen.

Noch eine Amateur-Frage: Kann man sich aus einem verunglückten U-Boot unter Wasser an die Oberfläche retten?

Ja, das geht. Ohne Rettungsanzug aus bis zu 35 Metern, mit modernem Rettungsanzug inzwischen aus 80, 90 Metern Tiefe. Das wird auch geübt: Das U-Boot wird geflutet und der Innendruck mittels Druckluft dem Außendruck angepasst. So kann man die Luken öffnen und mit dem Kopf im Nacken nach oben aufsteigen. Dabei muss man unbedingt die eingeatmete Luft ablassen. Sonst droht der tödliche Lungenriss. Zudem muss man eine Taucherbrille tragen, um die Augen vor den Möwen zu schützen. Die hacken auf alles ein, was man fressen kann.

Was war das denkwürdigste Erlebnis, das Sie hatten?

Das war mein 63. Geburtstag. Ich bin am 25. Mai 2017 bei den Azoren mit dem Tauchboot Lula 1000 auf 870 Meter Tiefe gegangen. Wir waren zu dritt: die Betreiber des Tauchboots, das Ehepaar Jakobsen, und ich. Ziel war das Wrack von U 581. Als wir uns neben dem Wrack auf Grund gelegt hatten, habe ich meine Geburtstagstorte bekommen! Das war irre. Und ich habe mich sicher gefühlt, denn die Lula 1000 ist, anders als die 2023 verunglückte Titan, ein zertifiziertes Tauchboot.

Waren Sie schon mal in Lebensgefahr?

1986 hatte ich mit U 23 eine Havarie. Ich habe als Kommandant angeordnet, von 30 Metern Sicherheitstiefe auf 10,5 Meter Sehrohrtiefe zu gehen. Dieser Aufstieg ist immer etwas unsicher, weil wir nur akustisch orten und ein gestopptes Schiff überhören können. In diesem Fall änderte ein geortetes Schiff seinen Kurs genau auf uns zu. Obwohl wir sofort wieder runtergingen, kam es zur Kollision, unser Boot erlitt einen Schaden. Das war mein Fehler. Die Entscheidung, auf 10,5 Meter zu gehen, war falsch.

Woher hätten Sie wissen sollen, dass das andere Schiff den Kurs ändert?

Man steuert ein U-Boot nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem Bauch. Ich habe auch den entgegengesetzten Fall erlebt: Vor England bin ich einmal nur aufgrund von Intuition auf Sicherheitstiefe geblieben und so der Kollision mit einer über uns hinwegfahrenden englischen Fregatte entgangen, die nicht zu orten war.

Ihre Bilanz heute: Was ist der größte Unterschied zwischen Seefahrt über und Seefahrt unter Wasser?

(lacht) Alle Boote können tauchen, aber nur U-Boote können wieder auftauchen! Nein, es ist, wie es bei der Nato heißt: There are two kinds of ships, submarines and targets (engl.: Es gibt zweierlei Schiffe, U-Boote und Ziele). Die Tiefe gibt Sicherheit.

ISABEL WINKLBAUER

Artikel 10 von 11