Faulhaber steht online – nur eine Biografie fehlt

von Redaktion

Seine Kurzschrift war das Hauptproblem: Katholische Akademie zieht Bilanz nach zwölf Jahren Forschung

Kardinal Michael von Faulhaber. © Erzbischöfliches Archiv

München – Er war Kirchenfürst, Theologe und (ein Wort, das er nie verwendet hätte) auch Netzwerker: Kardinal Michael von Faulhaber ist der wohl bedeutendste und umstrittenste Erzbischof, den München je hatte. Daher war es eine Sensation, als 2013 öffentlich bekannt wurde, dass Faulhaber (1869-1952) ein fanatischer Tagebuchschreiber war. 32 Bände in Notizbuchgröße wurden nach dem Tod seines Privatsekretärs vom damaligen Leiter des Erzbischöflichen Archivs, Peter Pfister, gesichert und der Forschung zugänglich gemacht. Nun ist die Veröffentlichung des Tagebuchs in einer Online-Edition abgeschlossen – Anlass für die Katholische Akademie, am Montagabend in einer Tagung Bilanz zu ziehen.

Die größte Hürde war, dass Faulhaber in der Gabelsberger Kurzschrift schrieb, sagte der Projektleiter Peer Volkmann. Zunächst besuchten die wissenschaftlichen Mitarbeiter Kurse, um die Schrift zu erlernen – „es war ein harter Rückfall in die Schulzeit, mit Hausaufgaben, aber zum Glück nur zwei Mal in der Woche“, erinnerte sich Volkmann.

Doch es hat sich gelohnt: Die insgesamt 16 wissenschaftlichen Mitarbeiter und 28 Hilfskräfte, die an dem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten zwölfjährigen Projekt mitwirkten, konnten bis auf 0,4 Prozent alle 10.729 Eintragungen entziffern. Durch die Kooperation des Münchner Instituts für Zeitgeschichte mit dem Seminar für Kirchengeschichte der Uni Münster ist jetzt alles auf www.faulhaber-edition.de nachlesbar. Bisher gab es 80.000 Zugriffe, für ein Wissenschaftswerk sicher eine zufriedenstellende Zahl. Sichtbar ist nun sozusagen der ganze Faulhaber. Die nun gewonnenen Erkenntnisse fassten Prof. Hubert Wolf und der stellvertretende Projektleiter Matthias Daufratshofer zusammen. Daufratshofer spricht mit Blick auf die Tagebücher von einer Person mit „vielen Grauschattierungen“. Während der Revolution 1918 habe Faulhaber Todesangst gelitten, schreibt der Forscher im Magazin „innehalten“ der Erzdiözese München und Freising. Sichtbar werde „ein Alttestamentler, der in antisemitischen Denkmustern seiner Zeit verhaftet blieb“. In mehreren Beiträgen hat der frühere IfZ-Direktor Andreas Wirsching herausgearbeitet, dass Faulhaber beispielsweise von den „Euthanasie“-Morden an psychisch Kranken und Behinderten gewusst habe. Er habe Hitler für einen wahren Staatsmann gehalten, aber das NS-Regime als „Häresie“ abgelehnt. Faulhaber setzte sich im Verborgenen für getaufte Juden ein und pflegte auch Kontakte zum deutschen Widerstand.

Auf Beiblättern mit einem Umfang von bis zu vier Seiten notierte der Kirchenmann detailliertere Überlegungen zu wichtigen Themen, Vorkommnissen und Gesprächen. Ein Teil davon ist nicht datiert und muss über den Inhalt den Tagebucheinträgen zugeordnet werden. Diese Arbeit ist noch nicht ganz erledigt. Bisher wurden mehr als 300 Beiblätter in Faulhabers Nachlass aufgefunden, 178 sind publiziert. Dann dürfte es auch Zeit sein für eine große Biografie, die bisher fehlt.

Der Generalvikar des Erzbischofs, Christoph Klingan, kündigte weitere Aktenfreigaben an: die für Kardinal Julis Döpfner (Erzbischof 1961-1976) ist in Vorbereitung, die für Joseph Ratzinger (1977-1982) soll folgen. Er zitierte den wegen des Konsistoriums im Vatikan verhinderten Kardinal Reinhard Marx mit den Worten: „Nichts kann der Kirche mehr schaden, als der Verdacht, man würde etwas verschweigen.“DIRK WALTER

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