Ein Versuch: Papier mit 15 Prozent Rohrglanzgras.
Durch Stauwehre wird das Wasser von den Gräben in umliegende Felder gedrückt.
„Wie Kohle“: Der Boden im Donaumoos ist schwarz.
„Nicht versumpfen“: ein altes Protestplakat an einer Scheune.
„Das muss jetzt schneller gehen“: LBV-Chef Norbert Schäffer (re.) mit Gerhard Grande vom Donaumoos-Team am Baierner Flecken. © Fotos: dw
Neuburg – Vor gut fünf Jahren, am 4. Mai 2021, hielt Ministerpräsident Markus Söder auf einem Hügel im Donaumoos eine Pressekonferenz ab. Er lobte das Projekt der Wiedervernässung als „Riesennummer“ für den Klimaschutz. Umweltminister Thorsten Glauber sprach von einem „Leuchtturm-Projekt“, während unten 80 Landwirte mit ihren Traktoren lautstark hupten. Protest gegen die „Versumpfung“ ihrer Heimat.
Fünf Jahre später läuft den Moorrettern vom Donaumoos ein bisschen die Zeit davon. Der Protest sei abgeebbt, sagt Norbert Schäffer, der Vorsitzende des Landesbunds für Vogel- und Naturschutz. Auch eine Mückenplage fürchte niemand mehr. Dafür gebe es andere Probleme. Bis 2040 sollen in Bayern 55.000 Hektar einstiges Moor wiedervernässt sein, schon bis 2030 sollen es 2000 Hektar im Donaumoos sein. „Faktisch nass“, wie die Moorretter sagen, sind in dem Landstrich zwischen Neuburg an der Donau und Pöttmes erst 145 Hektar. „Das muss jetzt schneller gehen“, sagt Schäffer.
Mit Norbert Schäffer geht es auf einem Kiesweg zu einem Feld, das bereits wieder planmäßig versumpft, dem Baierner Flecken. Gerhard Grande, der Koordinator im Donaumoos-Team, fährt voraus. Sein E-Auto wirbelt Staubwolken auf, es ist glühend heiß, bei der Ankunft schmiert sich Grande erst mal mit Sonnencreme ein. Ein Kiebitz flattert in der Luft, Experte Schäffer erkennt ihn sofort. Eine kleine Brücke führt über einen Graben, ein Elektrozaun versperrt den Weg ins wiedervernässte Feld. Hochspannung, Lebensgefahr, warnt ein verrostetes Schild. So schlimm? Ja, man bekommt schon einen ordentlichen Schlag, sagt Grande, der dem Zaun einmal zu nahe kam. Hinter dem Zaun, verborgen im Schilf, liegt eine Herde von Murnau-Werdenfelsern. Die Rinder, später sollen Wasserbüffel dazukommen, gehören einem Landwirt. Eine neue Erwerbsquelle für ihn – früher wurden im Baierer Flecken Mais und Kartoffeln angebaut.
Die Kartoffel ist im Donaumoos allgegenwärtig – es ist Deutschlands größtes Anbaugebiet für Saatkartoffeln. Zum Ärger von Norbert Schäffer. „Die wird auf Kohle angebaut“, schimpft er angesichts der überall blühenden Kartoffeläcker. Gemeint ist: Die schwarze Erde, fürs Donaumoos charakteristisch, ist zersetztes, totes Moor. Riesige Mengen Kohlendioxid entweichen. Zugleich sackt durch die Entwässerung der Boden immer weiter ab. Grande führt zu einem alten Haus. Die Treppenstufen zum Eingang hängen in der Luft. Es besteht Handlungsbedarf, das sieht man – und die Leute im Donaumoos wissen es auch, betont Gerhard Grande. „Die fragen uns: Warum passiert da nichts?“
Ja, warum? Ein Problem unter vielen: Die Eigentumsverhältnisse im Donaumoos sind höchst kleinteilig. „Einen Fleckerlteppich kann man nicht wiedervernässen“, sagt Norbert Schäffer. Man benötige größere Einheiten. Das zu organisieren ist die Aufgabe des Donaumoos-Zweckverbands, dem ein gutes Dutzend von Gemeinden und Landkreisen angehören. Locker 20 Anträge auf Flächentausch seien derzeit in Bearbeitung, erzählt ein Sachbearbeiter im Bürogebäude des Zweckverbands in Karlshuld.
Am Geld scheitert es nur selten, sagt Schäfer. 200 Millionen Euro insgesamt stellt der Freistaat zur Verfügung, erst 15 Millionen Euro davon, schätzt Grande, sind ausgegeben. Ziel soll es nicht sein, dass der Zweckverband die Flächen selbst kauft. Sondern dass er Landwirte unterstützt, denen die wiedervernässten Flächen gehören. Ein noch ungelöstes Problem sind dabei Haftungsfragen, sagt Schäffer. Die Angst vor überfluteten Kellern sei in den Wasserwirtschaftsämtern und den Kreisbehörden noch nicht ausgeräumt. Auch eine EU-Verordnung spielt eine Rolle: Die Wasserrahmenrichtlinie besagt sinngemäß, dass kein Gewässer verschlechtert werden darf. Dazu zählt auch das Aufstauen. Ein Problem für die Moorretter.
Grande führt zu einem kleinen Wehr, das das Wasser eines Grabens anstaut. Es sickert dann in die angrenzenden Felder, langsam, nur mehrere Millimeter im Jahr, baut sich durch die absterbenden Wurzeln des verschilften Feldes neues Moor auf. „So ein Wehr ist ja kein Hexenwerk“, sagt Schäffer. Die lästige EU-Richtlinie müsse für Moore entschärft werden, da sind sich Schäffer und Grande einig.
Dann zieht Grande Gummistiefel an – Zeckengefahr! Er stapft voraus durch hohes Gras – Rohrglanzgras. Weiter hinten wogt ein anderes Kraut, die Seege, im Wind sanft hin und her. „Hier war früher Mais und Kartoffel“, sagt Grande.
Seit sieben Jahren wird nun experimentiert, die beiden Gräser sollen zur Papierherstellung oder als Dämmmaterial verwendet werden – ein weiterer Erwerbszweig für die Landwirte. Paludikultur nennen es die Experten – Paludi ist Lateinisch und bedeutet Sumpf. Später, im Büro des Zweckverbands, verteilt Grande braun melierte Papierumschläge. „Moorpapier“, steht drauf, „100 Prozent Donaumoos“. Das Papier ist ein Versuch, die Papierfabrik Louisenthal bei Gmund hat es hergestellt. Ziel sei es zunächst, Behörden des Freistaats zur Verwendung des Moorpapiers zu animieren, sagt Grande. Auch das läuft zäh.
Zum Abschluss der Exkursion noch eine gute Nachricht. In der glühenden Mittagssonne trifft Norbert Schäffer vier Vogelschützer des LBV, die mit dem Fernglas einen Großen Brachvogel beobachten. Die seltene Art erholt sich auf den wiedervernässten Feldern. „Wir haben Kükenzahlen, von denen wir in den letzten Jahren nur geträumt haben“, heißt es. Markus Söder indes hat sich zum fünfjährigen Jubiläum nicht im Donaumoos blicken lassen.DIRK WALTER