Die Rehkitzretter im Dauereinsatz

von Redaktion

Vorsichtig wird ein Rehkitz in den Korb gehoben.

Am Monitor im Kofferraum sieht Susanne Zahalka die Aufnahmen der Drohne. © Reiner (3)

Das Team im Feld: Franz Wilhelm, Anett Reimers und Boris Baczynski (von links).

Mittermarbach – Auf dem Bildschirm ist ein kleiner weißer Fleck zu sehen. Die Aufnahme stammt von einer Drohne, die über einer Wiese in der Nähe von Mittermarbach im Kreis Dachau schwebt. Susanne Zahalka drückt einen Knopf. Konzentriert blickt Zahalka auf den Monitor im Kofferraum ihres Autos. Eine Geiß liegt im hohen Gras und sieht zur Kamera hoch. Die Drohne fliegt weiter. Dann erscheint ein weiterer heller Punkt. Das Rehkitz. Es liegt versteckt im hohen Gras. Der Landwirt hätte es nicht sehen können. Mit seinem Mähwerk hätte er das Kitz vermutlich getötet.

Susanne Zahalka ist eine von sechs Drohnenpiloten des ehrenamtlichen Vereins Rehkitzrettung München. Die 56-Jährige sucht an diesem Morgen gemeinsam mit drei Ehrenamtlichen 14 Wiesen mit insgesamt 25 Hektar nach Rehkitzen ab. Der Landwirt will noch an diesem Vormittag seine Wiese mähen. Deshalb drängt die Zeit. Kurz nach vier Uhr früh starten die Rehkitzretter ihren Einsatz. Der Verein hat für die Organisation und die Flugkoordinaten eine eigene Software entwickelt. Dort tragen die Landwirte ihre Wiesen und Flächen ein, die Ehrenamtlichen melden sich für Schichten an. Heute ist Zahalka mit Anett Reimers, Boris Baczynski und Franz Wilhelm unterwegs. Insgesamt engagieren sich rund 70 Freiwillige im Verein.

Anett Reimers geht voraus, das Gras reicht ihr bis zu den Oberschenkeln. Sie schleicht mit einem Kescher bewaffnet langsam in Richtung Drohne. Boris Baczynski folgt ihr mit Grasbüscheln in den Händen. Franz Wilhelm trägt einen Wäschekorb, den die Gruppe zuvor mit Gras befüllt hat. So verhindern sie, dass menschlicher Geruch auf die Tiere übertragen wird. „Noch zwei Meter geradeaus. Jetzt etwas nach links“, lotst sie Zahalkas Stimme über das Funkgerät. Die drei blicken immer wieder nach oben zur Drohne. Langsam arbeiten sie sich durch das hohe Gras. Ein Schritt. Noch einer. Es ist mucksmäuschenstill. Anett Reimers hält kurz inne, niemand bewegt sich. Dann hebt sie den großen Kescher und drückt ihn mit Schwung auf den Boden. Unter dem Netz liegt ein Rehkitz. „Geschafft“, flüstert sie. Baczynski eilt herbei, schiebt seine Hände mit den Grasbüscheln unter den Kescher und holt das Rehkitz hervor. Das wenige Tage alte Tier schreit schrill und tritt mit den Beinen in die Luft. Vorsichtig setzt er es in den Korb. Wilhelm legt einen zweiten Korb darauf. Gemeinsam binden die Ehrenamtlichen die Körbe zusammen und tragen das Kitz zu einem kleinen Waldstück am Rand der Wiese. Wilhelm schickt Zahalka den Standort auf ihr Handy. In ein paar Stunden braucht ihn der Bauer. Dann hat er das Feld gemäht und kann das Rehkitz wieder freilassen.

Vor drei Jahren lief Zahalka selbst mit dem Kescher über die Wiesen, dann machte sie einen Drohnenpilotenschein. Jetzt ist ihre Aufgabe, die Tiere zu suchen. „Dieses Gefühl, ein Rehkitz in den Händen zu halten und ihm in die großen, braunen Augen zu schauen, ist unbeschreiblich“, erzählt sie. „Aber noch schöner ist es, wenn das Kitz wieder zur Mutter zurückrennen kann.“ Das bedeutet für sie pures Glück. Dafür steht sie gern früh auf. Heute erlebt sie diesen Moment nur noch selten. Der Verein hat mittlerweile so viele Einsätze, dass kaum Zeit ist, so lange zu bleiben. In vier Stunden muss sie schon in der Grundschule in Garching sein, wo sie als Erzieherin Kinder betreut.

Inzwischen kreist die Drohne über dem nächsten Wärmebildpunkt. Das Kitz ist deutlich kleiner. Es liegt regungslos im Gras und lässt sich ohne Gegenwehr aufnehmen. „Die ganz jungen Kitze drücken sich ins hohe Gras und bleiben völlig ruhig“, erklärt Zahalka. „Sie flüchten nicht, sondern vertrauen darauf, nicht entdeckt zu werden.“ Genau diese Strategie wird ihnen zum Verhängnis, sobald die Mähmaschinen anrücken. Die Rehe bekommen von Mitte April bis Ende Juni ihre Jungen. „In dieser Zeit haben wir, sobald das Wetter mitspielt, Dauereinsatz.“ Die Rehkitzretter rücken so früh aus, weil die Wärmebildkamera die Tiere nur dann zuverlässig erkennt. Später erwärmt sich der Boden und der Temperaturunterschied wird kleiner. „Es kann natürlich auch passieren, dass man eines übersieht. Damit muss man umgehen können“, betont Zahalka. Ohne den Einsatz der Rehkitzretter hätten viele der Jungtiere kaum eine Überlebenschance.

In ein paar Stunden wird der Landwirt sein Feld gemäht haben. Dann wird er zum Standort gehen, den ihn die Ehrenamtlichen geschickt haben, und die geretteten Kitze freilassen. Und es wird nicht lange dauern, bis die Mutter aus dem Wald kommt, um ihr Kitz zu holen. Die Rehkitzretter werden das nicht beobachten können – sie sind dann längst in der Arbeit.

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