Die zehnjährige Sophie Zachow ist fast blind. Am SBZ hat sie gelernt, mit einer Rechenhilfe zu arbeiten. © Oliver Bodmer (2)
Lernen mit Hilfsmitteln: Dank der Kamera und ihres Bildschirms kann Rebekka Hahn lesen, was an der Tafel steht.
Unterschleißheim – Während Rebekka Hahn in ihr Heft schreibt, schaut sie auf einen Bildschirm auf ihrem Arbeitsplatz im Klassenzimmer. Über eine Kamera kann sie steuern, was dort stark vergrößert zu sehen ist. Momentan sind es die englischen Sätze aus ihrem Arbeitsbuch, die sie vervollständigen soll. Vorhin war die Kamera noch auf die Tafel gerichtet, sodass die 16-Jährige auf ihrem Bildschirm vergrößert lesen konnte, was ihr Lehrer vorne notiert hatte. So leicht war der Unterricht nicht immer für sie. Denn Rebekka leidet unter einer Sehbehinderung. Nach einer Augen-OP erlitt sie einen Sehsturz. Seitdem ist ihr Sichtfeld stark eingeschränkt, sie hat noch eine Sehkraft von fünf bis zehn Prozent. Das reicht, um Wörter stark vergrößert auf ihrem Bildschirm zu lesen. Aber was an der Tafel steht, kann sie nicht sehen.
Vergangenes Schuljahr besuchte Rebekka noch ein Gymnasium in Nürnberg. Doch sie kam im Unterricht immer schlechter mit, die Schule konnte ihr nicht die Unterstützung geben, die sie brauchte. Bayernweit gibt es für Kinder mit ihrer Einschränkung nur eine Alternative: die Edith-Stein-Realschule am Sehbehinderten- und Blindenzentrum (SBZ) in Unterschleißheim im Kreis München. Dort gibt es auch ein Internat. Deshalb wechselte Rebekka die Schule. In einem Jahr wird sie die mittlere Reife machen. Danach will sie zurückkehren ans Gymnasium – und ihr Abi machen.
63 Schüler besuchen aktuell die Edith-Stein-Realschule, etwa 120 die Grund- und Mittelschule des Förderzentrums. Außerdem gehört zum SBZ ein mobiler Dienst, der Schüler mit Sehbehinderung an Regelschulen unterstützt. Einige von ihnen werden im nächsten Schuljahr vielleicht wie Rebekka nach Unterschleißheim wechseln. Um alle Hilfen kennenzulernen, die es gibt. Um Stoff aufzuarbeiten, Kraft zu sammeln und dann später wieder an eine Regelschule zurückzukehren. „Ich fühle mich jetzt schon besser vorbereitet“, sagt Rebekka. In ihrer 9. Klasse gibt es nur zwölf Schüler. Nicht alle haben eine Sehbehinderung, aber alle haben einen Förderbedarf. Einige haben ADHS, eine Rechtschreibschwäche oder eine Autismus-Diagnose. „Das Verständnis füreinander ist groß“, sagt die 16-Jährige. Sie muss weniger für ihre Rechte kämpfen, weniger erklären. Nach dem Unterricht hat sie noch viel mehr Energie übrig als früher.
Obwohl das SBZ für viele Kinder und Jugendliche eine wichtige Hilfe ist, war bis vor Kurzem nicht klar, ob es auch im nächsten Schuljahr wieder eine fünfte Klasse geben wird. Dafür müssen sieben Schüler mit Sehbehinderung angemeldet sein, es gab zunächst aber nur vier Anmeldungen. Andere Förderbedarfe werden bei der Entscheidung nicht berücksichtigt, erklärt Vorstand Reiner Ulbricht. Er und sein Schulteam haben in den vergangenen Wochen hart gekämpft, um die Genehmigung für die 5. Klasse zu bekommen. Als die Schulleiterin Susanne Dellert die betroffenen Familien informieren musste, dass es vermutlich keine fünfte Klasse geben wird, waren die Emotionen sehr groß. Sie bekam verzweifelte Mails von Eltern, einige Schüler weinten. Über Kommunal- und Landtagspolitiker versuchte das SBZ, Druck aufzubauen. Vor ein paar Tagen kam dann die Nachricht, auf die alle gehofft hatten. Die 5. Klasse ist fürs kommende Schuljahr genehmigt. Doch wie es im Jahr danach weitergehen wird, ist unklar. Das Bangen geht weiter. Ulbricht hofft, dass die Hürde fällt, mindestens sieben sehbehinderte Kinder in der Klasse haben zu müssen. Denn einen Förderbedarf haben alle. „Für viele Familien ist es so wichtig, dass es dieses Auffangbecken gibt“, betont er.
Sophie Zachow (10) hat die Debatte mit Sorge verfolgt. Sie besucht die 2. Klasse – und hofft, dass sie noch lange am SBZ bleiben kann. Sophie ist fast blind. Hier hat sie gelernt, die Punktschrift zu lesen, sich ein Glas Wasser einzuschenken oder sich an unbekannten Orten allein zurechtzufinden. Die Kinder lernen hier nicht nur Englisch oder Mathe, sie lernen mit ihrer Einschränkung ein selbstbestimmtes Leben zu führen.