Ein Haus mit Geschichte: Das Wirtspaar Maria und Fabian Diem mit Tochter Frida (Mitte) mit Dominik Pospiech und Felix Nix von den Stadtwerken München (links) und den Brauerei-Vertretern Thomas Furtner und Andreas Forstner vor der Gotzinger Trommel. © Schweihofer (3)
Urig: Erste Konzerte und Theateraufführungen haben im Salettl schon stattgefunden.
Wildromantisch: Das denkmalgeschützte Salettl der Gotzinger Trommel ist frisch renoviert.
Gotzing – Der Dornröschenschlaf hat bald ein Ende. Andreas Forstner hört die Uhr ticken. Ende des Jahres will er die Gotzinger Trommel wieder öffnen. Noch steigt er über Kabel und Rohre, wenn er nach der Baustelle im gleichnamigen Weiler zwischen Weyarn und Miesbach schaut. Noch ist eine Wand von schwarzen Stockflecken übersät. Und noch steht das Pelletslager nicht. Doch einen Lichtblick hat der Betriebsleiter der Schlossbrauerei Valley – denn neue Wirte hat er gefunden. Mit Maria und Fabian Diem schlagen die Stadtwerke München als Eigentümerin und die Graf Arco Brauerei als Pächterin ein neues Kapitel im Leben der gut 300 Jahre alten Gotzinger Trommel auf.
Von hier aus sollen 1705 Oberlandler Revolutionäre gen München gezogen sein, angeführt von einer aus den Türkenkriegen stammenden Trommel. Die österreichischen Besatzer haben die Aufständischen bei Sendling elendig niedergemetzelt, die Trommel ist heute im Besitz der Gemeinde Weyarn. In Gotzing selbst erinnert das gleichnamige Gasthaus an jene Sendlinger Mordweihnacht – und wurde seitdem mindestens einmal mehr zum Ort der Rebellion. Hans Triebel, flammender Dialekt-Schützer mit Hut und Lederhose, war 20 Jahre Pächter und deklarierte einst die „tschüss-freie Zone“.
„Bei uns darf sich jeder in jeder Sprache und auf seine eigene Art begrüßen und verabschieden“, sagt der neue Wirt Fabian Diem und lacht. Über das „t-Wort“ mag der 48-Jährige nicht gern reden: „Diese Sau ist oft genug durchs Dorf getrieben worden.“ Frischer Wind weht durch Gotzing. „Wir freuen uns auf Einheimische – und selbstverständlich auch auf Münchner und Touristen“, sagt Maria Diem. „Wir wollen, dass die Leute mit uns und untereinander ins Gespräch kommen. Alte Schule, so wie sich‘s im Biergarten und in der Wirtschaft gehört.“
Die Diems werkeln schon seit Monaten am Salettl neben dem Gasthaus. Beides steht unter Denkmalschutz. Während der Bagger nebenan also tiefe Schächte aufreißt, hat das Paar schon eine kleine Biergarten-Oase geschaffen. Die selbst gebauten Waldfestgarnituren ihres Mannes, der gelernter Bildhauer ist, dekoriert Maria Diem mit Blumen. Im Schatten der Bäume warten Liegestühle und eine Schaukel für Kinder. „Den großen Schuppen nebenan haben wir zum Lager ausgebaut, und dank der kleinen Küche im Salettl können wir Brotzeiten anbieten“, erzählt Fabian Diem. Rindercarpaccio, Caprese und Vinschgerl mit Bergkas, Kaminwurzen oder Speck. Ab sofort kann man hier samstags und sonntags ab 14 Uhr einkehren.
Im wildromantischen Salettl haben die Diems ein neues Bühnenbild gezimmert. Ein Plattenspieler, Klavier und Karussellpferdchen warten auf Künstler aus der Region, und die Holztische, auf denen Hans Triebel einst ausschließlich Schweinsbraten (nicht Schweinebraten) servierte, auf Gäste. Erste Theater- und Konzertvorstellungen wurden zum Probelauf. Da standen die Töchter Frida (8) und Rosa (10) an der Popcorn-Maschine. „Unsere Tür steht offen für Künstler aller Art: Vom Jazz- über Metalmusiker bis zum Volksmusiker mit Ziach“, sagt Fabian Diem. Am 24. Juli spielt hier etwa Bob Oache von den Oache Brothers auf.
Die Wirtsleute sind nicht nur in der Kunstszene der Region gut vernetzt, sie fühlen sich auch in der Gastronomie daheim. Maria Diem wuchs in Agatharied auf, ihre Mutter betreibt die Chili-Bar in Hausham. Fabian stammt vom Tegernsee. Und dort hat‘s bei den beiden einst auch beim Arbeiten im legendären „Cactus“ gefunkt. Das Paar lebte lang in Wall. Die Liebe zum nahen Kleinod Gotzing hat die Familie nie losgelassen.
„Eins war klar: Wenn wir uns mal selbstständig machen, dann hier“, erzählt Maria Diem jetzt, wo sie im Garten vor dem renovierten Salettl sitzt. Der Umbau der Trommel wird noch dauern, gibt Andreas Forstner nach seinem Rundgang zu. „Küche, Lager- und Kühlräume, Toiletten, Elektrik – alles wird neu“, sagt er. Hans Triebel lebte hier nur mit Holzofen und ohne warme Brause. Jetzt kriegt die Trommel erstmals eine Heizung – und springt mit neuen Datenleitungen gleich ins 21. Jahrhundert weiter. „Wir planen innen 70 und im Biergarten 150 Sitzplätze. Da funken sich Bestellungen natürlich leichter“, sagt Forstner. Der Denkmalschutz frisst Geld, und im Trinkwasserschutzgebiet muss jeder Bauschritt doppelt genehmigt sein. „Wir hoffen, im Gasthaus bis Ende des Jahres Eröffnung feiern zu können.“
Viel Staub, viel Lärm. Doch Fabian Diem sieht ein „Schmuckkästchen“ vor sich. Sobald er die Küche im Gasthaus beziehen kann, plant er regionale, saisonale Wochenkarten. Jeden zweiten Freitag will er Räucherfisch anbieten. Neben Spinatknödeln und Risotto wird es auch mal Schweinsbraten geben.