Das Versprechen der sieben Geschwister

von Redaktion

Netflix-Doku über das bewegende Schicksal der Familie Weber feiert Deutschland-Premiere

Sieben Kinder aus einer Familie, das war der Chicago Sun im Mai 1946 einen Artikel wert. © privat

50 Jahre nach der USA-Ankunft: Ginger, Judith, Renée, Gertrud, Senta, Ruth und Alfons (v.l.).

Die Eltern Pauline und Alexander Weber auf alten Fotoaufnahmen.

Die Retter: Paula und Arthur Schmidt versteckten die Weber-Geschwister in Brandenburg.

Die sieben Weber-Geschwister im Mai 1946, kurz vor der Abreise nach Amerika. © privat (4)

Indersdorf – Als die Gestapo im März 1943 vor der Tür ihrer Berliner Wohnung steht, ist Bela Weber erst drei Jahre alt. Aber sie hat die Szene ihr ganzes Leben lang nicht vergessen. „Zwei Männer, schwarz angezogen“, erzählt sie Jahre später. „Ich habe mich irgendwo versteckt.“ Die Männer nahmen ihre Mutter mit. Bela ging ans Fenster, schaute nach unten. „Ich sah, dass sie in ein schwarzes Auto geschoben wurde. Danach habe ich sie nie mehr gesehen.“ Ihre Mutter Pauline Weber starb in Auschwitz. Bela und ihre sechs älteren Geschwister überlebten die NS-Zeit. Dank ihres Vaters – und eines Ehepaars aus Brandenburg.

Ihr Vater Alexander Weber war aus Liebe zu seiner Frau zum jüdischen Glauben übergetreten. Er wusste, dass seine Kinder als „Halbjuden“ galten und es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis man sie abholen und in ein Konzentrationslager bringen würde. Weber war mit dem Gemüsehändler Arthur Schmidt aus Worin in Brandenburg befreundet. Der schlug ihm vor, die sieben Kinder in das kleine Dorf zu bringen und sie dort zu verstecken. Seine Frau Paula und er gingen damit ein großes Risiko ein. Die Schmidts haben die Kinder versteckt, wirklich gekümmert haben sie sich aber nicht um sie. Die Geschwister waren fast zwei Jahre auf sich gestellt. Sie bettelten, gruben Kartoffeln auf den Feldern aus. Den Zusammenhalt, den sie damals lernten, prägte ihr Leben. Ihr Versprechen, immer zusammenzubleiben, haben sie gehalten.

Auch nach Kriegsende hatten die Webers zu kämpfen. Die Kinder waren wieder bei ihrem Vater in Berlin. Doch die Familie hungerte. Irgendwann erfuhr Ruth Weber von der Hilfsorganisation Joint Distribution, die sich um bedürftige Juden in aller Welt kümmert. Sie ging mit Bela hin, ließ sich nicht wegschicken, bis ein Mann ihnen Dosenfleisch und Schokoriegel gab. Die Weber-Geschwister wollten weg aus Deutschland – nach Amerika. Doch nur Waisenkinder durften die Reise antreten. Deshalb registrierte die Hilfsorganisation die Weber-Geschwister als elternlos, sie kamen in die Obhut der United Nations Relief and Rehabiliation Administration und landeten im Kloster Indersdorf im Kreis Dachau, wo nach dem Krieg Kinder aufgefangen wurden. Am 10. Mai 1946 gingen Alfons, Senta, Ruth, Gertrud, Renée, Judith und Bela Weber an Bord der USS Marine Flasher – das Schiff brachte sie nach New York. Ihr Vater könne in einer Woche nachkommen, hieß es. Daraus wurden zehn Jahre. Die Webers begannen in den USA ein neues Leben – doch ihre Vergangenheit blieb immer ein Teil davon. Und seit Kurzem ist sie wieder Gegenwart.

Die Regisseurin Beth Lane ist die Tochter von Bela, die sich später Ginger nannte. Sie hat eine Dokumentation über das Leben der Weber-Geschwister produziert. Auf Netflix wurde der Film „Unbroken“ bereits im April 2025 veröffentlicht und seitdem über 1,5 Millionen Mal gestreamt. Zeitweise war er in den US-Top-Ten der Dokumentarfilme. In wenigen Tagen wird „Unbroken“ das erste Mal in Deutschland zu sehen sein: beim Film-Festival „Lichtbrücke“ in Dachau. Vom 16. bis 19. Juli werden 30 Dokumentar-, Spiel- und Kurzfilme zu Menschenrechten, Demokratie und Erinnerungskultur gezeigt (Programm unter www.lichtbruecke-dachau.de). Die Schirmherrschaft für das Festival übernimmt Iris Berben. „Unbroken“ ist am Freitag, 17. Juli, um 20 Uhr im Ludwig-Thoma-Haus zu sehen (Tickets für 5 Euro gibt es über die Festival-Homepage). Im Anschluss werden die Historikerin Anna Andlauer und der Journalist Hans Holzhaider der Regisseurin Beth Lane Fragen stellen. „Die Geschichte beginnt mit einfachen deutschen Bauern, die sich weigerten, sich an den Verbrechen der Nationalsozialisten zu beteiligen – die sich weigerten, wegzuschauen“, sagt Beth Lane. „Wenn ich jetzt mit diesem Film in dieses Land zurückkehre, in dem dieser außergewöhnliche Mut stattfand, und ihn dort zeige – das ist nichts weniger als ein Wunder.“

Paula und Arthur Schmidt wurden posthum als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt. Ginger Lane – einst die kleine Bela – ist heute 86 und eine von nur noch zwei lebenden Weber-Geschwistern. Sie reiste im März 2018 nach Jerusalem, als dort die beiden Namen an der Ehrenmauer in der Gedenkstätte Yad Vashem enthüllt wurden. Bei der Zeremonie sagte sie: „Es gibt so viel Böses auf der Welt, das immer wieder von so viel Gutem überwältigt wird. Wir müssen uns immer daran erinnern, dass das Gute immer die Oberhand über das Böse behält.“KATRIN WOITSCH

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