Wos hod der Bua heid o? Mittig geschnürte Haferlschuhe, cremeweiße Loferl mit Herzerlstrick, eine Hirschlederhose mit grünem und goldenem Stick, ein rot gestreiftes Pfoad (Hemd), die Terofal-Weste mit doppeltem Ketterl, eine alte Tölzer Uhrkette mit Taschenuhr und einen Bierkutscher-Hut. So steht Rainer Lorz am Loisach-Ufer in Wolfratshausen. © Sabine Hermsdorf-Hiss
Wolfratshausen – Die Blasmusik spielt, Fahnen wehen im Wind, Vereine marschieren in ihren festlichen Trachten durch den Ort. Am Straßenrand steht ein kleiner Bub und blickt stolz auf seinen Vater, der beim Festzug in den Reihen der Wolfratshauser Gebirgsschützenkompanie geht. Was damals bei einer Fahnenweihe in den 1980er-Jahren als kindliche Faszination begann, ist bis heute geblieben. Rund vier Jahrzehnte später lebt Rainer Lorz (46) seine Leidenschaft für Tracht, Tradition und Heimat mehr denn je.
Mittlerweile ist er selbst seit vielen Jahren Hauptmann der Wolfratshauser Gebirgsschützen und trägt nicht nur zu Umzügen oder Feierlichkeiten ein Trachtengewand. Für ihn ist Tracht weitaus mehr als Kleidung: Sie ist Identität, Heimat und ein Gefühl. „Tracht zieht man an, in ihre Identität wächst man hinein“, sagt er. Vor etwas über einem Jahr hat der Wolfratshauser einen Instagram-Kanal eröffnet und hat ihn „hoamadgfui“ genannt.
Dort zeigt sich Rainer Lorz gerne in verschiedenen Trachten und hat hierfür ein eigenes Format kreiert. Unter dem Titel „Wos hod der Bua heid o?“ postet der zweifache Familienvater Videos, in denen er beschreibt, welche Trachtenstücke er gerade trägt: Die über 100 Jahre alten, holzgenagelten Stieferl, eine Hirschlederhose, semisch gegerbt und mit Maulbeerseide bestickt, ein Hemd aus Leinen, federkielbestickte Hosenträger und auf dem Kopf einen Werdenfelser Hut. 30 verschiedene Trachtenhüte nennt Lorz mittlerweile sein Eigen. „Ich kann die Frauen gut verstehen, die vor einem vollen Kleiderschrank stehen und nicht wissen, was sie anziehen sollen“, sagt er und lacht. Mittlerweile ist sein Schrank einem eigenen Trachtenzimmer gewichen.
Mit Liebe zum Detail erzählt er seinen Followern von den Trachtenstücken, deren Herkunft und den historischen Hintergründen. Terofal-Weste und Dreher-Hut beispielsweise gehen auf ihre ersten Träger Xaver Terofal und Konrad Dreher, Gründer des Schlierseer Bauerntheaters, zurück. Wadenstrümpfe nennt man, je nach Region Loferl, Pfoasn, Stutzn oder auch Heaslan (Beinhose).
Lorz will zeigen, wie vielfältig, handwerklich wertvoll und lebendig Tracht ist. Dabei – das betont er – gehe es ihm nicht um seine Person. „,Der Bua‘ kann jeder von uns sein“, sagt Lorz. Ihm geht es ums Vorleben, ums Weitergeben von dem, was uns, was Bayern ausmacht. „Wenn ich nur einen oder zwei Menschen erreichen und damit begeistern kann, hat es sich gelohnt“, so war der Ursprungsgedanke. Weit gefehlt. Innerhalb eines Jahres wuchs die Zahl derer, die „hoamadgfui“ auf Instagram folgen, auf rund 20.000 Menschen an, Tendenz steigend. Lorz’ Videos werden mehrere hunderttausendmal aufgerufen. Darin geht es nicht ausschließlich um Tracht. Der Wolfratshauser besucht Brauereien, führt Interviews, sinniert über Bierkultur, Brauchtum, das Hofbräuhaus und all das, was Bayern ausmacht.
Doch wenn es um das Trachtengewand geht, hat der 46-Jährige eine klare Haltung. Er stelle fest, dass Debatten über Tracht allzu oft von der Frage nach „richtig“ oder „falsch“ beherrscht werden, von Regeln und Vorschriften. Mancher Trachtenverein, so seine Beobachtung, ziehe Grenzen, statt Brücken zu bauen. Besonders hartnäckig werde darauf bestanden, dass bestimmte Kleidungsstücke ausschließlich in ihrer Ursprungsregion getragen werden dürften. Doch die Geschichte vieler Trachtenstücke ist von Wandel, Austausch und regionalen Einflüssen geprägt, weit weniger eindeutig, als ihre Verfechter oft glauben machen möchten. „Dabei vergessen wir manchmal, worum es eigentlich geht“, so Lorz. „Tracht besteht nicht nur aus Stoff, Knöpfen oder Schnitten. Dahinter stecken Landschaften, Regionen, Familiengeschichten und Menschen, die ihr Handwerk oft seit Generationen weitergeben. Ein Hut, eine Joppe, ein bestickter Ranzen entstehen nicht von allein. Und genau deshalb sollte Tracht mehr sein als etwas, das man einfach anzieht.“
Lorz kommt viel rum, als selbstständiger Folierer und Trainer in der Folienbranche ist er weltweit unterwegs und trägt dabei gern Tracht. Er sagt: „Ich trage sie oft und überall. Ob daheim in Wolfratshausen oder in Shanghai, Norwegen oder Las Vegas. Tracht kennt keine Grenzen.” Und bei all den vielen Followern bleibt für Rainer Lorz das Wichtigste, seinen Söhnen vorzuleben, was es bedeutet, Heimat im Herzen zu tragen. Und Brücken zu bauen statt Grenzen zu ziehen.