Landrat Otmar Huber überreichte Paul Mayer im Namen des Bundespräsidenten 1972 das Bundesverdienstkreuz.
Machte nie viel Aufhebens um seine Hilfe: Paul Mayer und seine Frau Rosa versteckten eine jüdische Ärztin in der Lenggrieser Dienstwohnung. © Archiv der Polizei Bad Tölz, TK-Archiv
Lenggries – Es ist eine Geschichte von unfassbar viel Zivilcourage und Mut: Drei Jahre lang versteckten der Leiter der Lenggrieser Gendarmerie und seine Ehefrau ausgerechnet in ihrer Dienstwohnung über den Amtsräumen der örtlichen Polizeiwache eine Jüdin aus München vor den Nazis. Paul und Rosa Mayer setzten damit auch ihr eigenes Leben aufs Spiel.
Paul Mayer und seine Frau waren aufrechte Helden des Alltags. Sie bewiesen, dass Widerstand gegen Staatsterror möglich ist. Lange blieb ihre wagemutige Aktion ohne Würdigung, bis sich die von ihnen gerettete, zufällig namensgleiche Ärztin Dr. Sophie Mayer dafür einsetzte, dass sie von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem 1969 als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt wurden. Danach wurde auch die Bundesrepublik auf die Eheleute aufmerksam und verlieh ihnen 1971 das Bundesverdienstkreuz.
Dass man lange wenig über den bescheiden auftretenden Polizisten wusste, lag zum Teil an ihm selbst („Ich habe nur meine Pflicht getan“), aber mehr noch am Desinteresse im Land der Täter. Paul Mayer hatte seine Pflicht nicht so wie viele andere „gehorsame“ Staatsdiener definiert, sondern sich als Mensch vom eigenen moralischen Kompass leiten lassen. Für viele galt das auch später noch als „Verrat“. Es ist auch das Verdienst eines Lehrers am Hohenburger Gymnasium, dass die Mayers im Gedächtnis bleiben: Robert Huber hat ihren Lebensweg erforscht und als Buch veröffentlicht („Der stille Held von Lenggries“, Verlag Norderstedt).
Paul Mayer hat größten Mut bewiesen: Im Ersten Weltkrieg wurde der 19-Jährige hoch dekoriert, weil er in der Hölle von Verdun unter Lebensgefahr verschüttete Kameraden aus dem Geschosshagel rettete. Später ist er als Polizist häufig mit seiner eigenwilligen Dienstauffassung angeeckt. Nach 1933 hat er öfters für Menschen Partei ergriffen und sie davor bewahrt, in die Mühlen staatlicher Willkür zu geraten. Er gilt als „politisch unzuverlässig“, wird mehrfach strafversetzt und steht 1937 vor dem Rauswurf, dem er mit seinem Beitritt zur NSDAP zuvorkommt. Dieser Schritt verschafft ihm etwas Spielraum für sein subversives Handeln.
Im April 1941 kommt er nach Lenggries. In München tauchen 1942 die Jüdin Sophie Mayer, ihre Mutter Paula und ihre Schwester Elisabeth kurz vor ihrer Deportation unter. Paula und Elisabeth finden in Deggendorf Unterschlupf, wo sie bald darauf wegen ihrer aussichtslosen Lage von der Donaubrücke in den Tod springen. Sophie findet am 11. Juli Zuflucht bei den Mayers, und zwar im Kinderzimmer des elfjährigen Günter. Auch der wird zum Helden, weil er im Dorf und in der Tölzer Oberschule inmitten einer Welt überzeugter Hitler-Anhänger nie etwas ausplaudert.
Als ein ausgebombter Nazi aus München bei ihnen einquartiert wird, fliegen sie um ein Haar auf, doch aufgrund seiner Position bekommt Mayer Wind davon und beweist erneut eiserne Nerven: Noch in der Nacht versteckt er die Jüdin in einer Scheune und beseitigt alle Spuren, ehe die Gestapo am nächsten Morgen kommt und die Wohnung durchsucht.
Eine Geschichte wie geschaffen zur Verfilmung
Mayer kommt auch sein guter Draht zu Bauern zugute, die er nach unvorsichtigen Äußerungen vor dem KZ bewahrt hatte. Sie unterstützten ihn dafür mit Lebensmitteln, was eine unauffällige Mitversorgung der Jüdin erleichtert. Einer dieser Bauern hat ihm nach dem Krieg ein kleines Baugrundstück geschenkt.
Eigentlich wäre das eine Geschichte wie geschaffen für eine Verfilmung. Paul Mayer verhalf auch italienischen Zwangsarbeitern zur Flucht über die Grenze und informierte die auf Lenggries vorrückenden Amerikaner über die letzten Verteidigungsnester der Waffen-SS. Damit konnte er wohl auch eine Bombardierung des ganzen Dorfes verhindern.
Im April vor 50 Jahren starb Paul Mayer mit 79 Jahren und fand auf dem Lenggrieser Friedhof seine letzte Ruhestätte. Das Grab wurde inzwischen aufgelöst. Einen Gedenkort gibt es somit nicht mehr.RAINER BANNIER