Sanitäter für die S-Bahn

von Redaktion

Wie die DB versucht, Störfälle auf der Stammstrecke einzudämmen

Der Roboterhund in Deisenhofen. © brouczek

Die Matte verhindert, dass Verwirrte aufs Gleis gehen.

Die Sanitäter Piotr Gorgol (li.) und Michai Istvan sind am Hirschgarten eingesetzt. In der Mitte S-Bahn-Qualitätsmanager Anian Pollinger. © Marcus Schlaf

München – „Das Schlimmste war ein Herzinfarkt“, sagt Michai Istvan. Der Sanitäter des privaten Rettungsdienstes MKT steht am Bahnsteig der S-Bahn-Station Hirschgarten. Er und sein Kollege Piotr Gorgol haben einen speziellen Job: Sie sollen verhindern, dass sich Notarzteinsätze in der S-Bahn lange hinziehen und den ganzen Verkehr aufhalten. Da geht es um Minuten: In einem Kabuff auf dem Bahnsteig, wo früher die Bahnhofsaussicht stationiert war, stehen die Sanitäter in Habachtstellung. Wird eine Person etwa mit Kreislaufkollaps in einer S-Bahn gemeldet, gehen die Sanitäter in den Zug, versuchen, die Person möglichst schnell auf den Bahnsteig zu bringen. Natürlich schonend, nur wenn es geht. Dann aber kann der Zug weiterfahren – und der Notfall in Ruhe am Bahnsteig behandelt werden. Retten, bis der (Not-)Arzt kommt, sozusagen. Den Versuch gibt es seit Februar vergangenen Jahres. Jetzt liegen erste Zahlen vor: 36 Einsätze hatten die Sanitäter am Hirschgarten und an der Donnersbergerbrücke, wo ebenfalls ein Zweierteam von 7 bis 9 Uhr Wache hält, bisher.

Täglich in den Stoßzeiten am Bahngleis

Ersonnen hat das neue Konzept, das bei der S-Bahn seit Februar vergangenen Jahres erprobt wird, der S-Bahn-Manager für Betriebsqualität Anian Pollinger. Er hat die Führung der Bahn überzeugt, jährlich einen fünfstelligen Betrag für die Sanitäter auszugeben. Das Geld reicht für die Stoßzeit von 7 bis 9 Uhr werktags. Es war ein langer Atem nötig, erzählt Pollinger. „In den ersten sechs Wochen passierte gar nichts.“ Der Versuch stand kurz vor dem Abbruch, doch am Tag 1 nach dem Sechs-Wochen-Versuch gab es gleich zwei Einsätze am Gleis. Durch das schnelle Eingreifen im Zug hatte die S-Bahn nur eine Minute Verspätung, erzählt Pollinger. Sonst waren es um die 30.

Pollinger hat auch nachgedacht, warum so viele Leute in der S-Bahn umkippen – und das vor allem am Morgen. Der Hintergrund: Das Frühstücksverhalten der S-Bahn-Kundschaft lässt zu wünschen übrig. Das Durchschnittsalter lag bei den meisten Patienten bei 21 bis 30 Jahre. Und es sind mehr Frauen als Männer. „Die frühstücken zu wenig“, meint Pollinger. In der stickigen S-Bahn klappt eine Studentin mit Kreislaufkollaps zusammen – das ist so der typische Einsatzfall. Wie erst am vergangenen Donnerstag, als in einer S3 gegen 7.20 Uhr eine Jugendliche umkippte. Der Kreislauf. Das hat Pollinger auf die Idee gebracht, in der S-Bahn eine Müsliriegel-Offensive zu starten. 5000 Stück sollen bald verteilt werden.

Defekte Weichen und Signale, Störungen der Fahrzeugtechnik – solche Dinge kann ein Qualitätsmanager nicht beeinflussen. Andere Dinge schon. Auf einem DIN-A3-Block hat Pollinger die Initiativen der vergangenen Jahre notiert: Mehr Zäune entlang der Bahnlinien etwa (wir berichteten). Oder eine Drohne während der Wiesn, die verirrte Personen auf den Gleisen schnell orten soll. Überhaupt: Personen auf dem Gleis – das ist Alltag bei der S-Bahn. 361 Fälle gab es 2025. Eigentlich darf die S-Bahn dann in Schrittgeschwindigkeit weiterfahren. Doch das letzte Wort hat die Bundespolizei, die oft lieber auf Nummer sicher geht und die Sperrung der Gleise verfügt. Immerhin: Am Bahnsteigende der Hackerbrücke, wo die S-Bahn Richtung Tunnel verschwindet, wurden Gummimatten zwischen die Gleise gelegt. Auch so eine Idee von Anian Pollinger. Sie wirken wie eine Stolperfalle, erschweren das Gehen. Und tatsächlich ist die Zahl verwirrter Personen, die an der Hackerbrücke einfach in den Tunnel gehen, gesunken.

Ein heikles Thema sind Menschen in psychischen Ausnahmesituationen. 72 Fälle sorgten 2025 für Behinderungen im S-Bahn-Verkehr. Anian Pollinger hat Schilder initiiert: An den Bahnsteig-Enden hängt vielerorts eine bunte Tafel mit der Aufforderung „Sprich mit uns“ und einer Notfallnummer. Bringt doch nix, würde man meinen. Aber Pollinger erzählt, dass ein Mädchen wegen des Schilds die psychische Beratungsstelle angerufen hat. Ein Fall, in dem vielleicht ein schlimmer Ausgang verhindert wurde.

Auch die Sanitäter vom Hirschgarten machen sich so ihren Reim auf die Einsätze im Zug. Hinter den Kreislaufproblemen verbergen sich öfters epileptische Anfälle, sagt Michai Istvan. Manche Patienten mit Epilepsie haben spezielle Warnsticker an ihren Rucksäcken, was die Hilfe erleichtert. Eine Patientin kam ihnen jüngst bekannt vor – sie war schon zum zweiten Mal ein „Rettungseinsatz im Zug“, so die offizielle Warnmeldung im DB-Navigator.DIRK WALTER

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