Wie der Nazi-Schrecken begann

von Redaktion

Neue Forschung über die frühen Lager 1933

Nicht geheim: Seit 22. März 1933 wurden Häftlinge in das KZ Dachau eingeliefert. Unser Bild zeigt die Baracken im Juni 1933. © akg-images/pa

München – Am 21. März 1933 berichtete die „Münchener Zeitung“ wie viele andere Blätter auch über das erste bayerische KZ. Unter der Überschrift „Gefangenenkonzentrationslager bei Dachau“ hieß es da, der kommissarische Münchner Polizeipräsident Himmler habe in einer Pressekonferenz erklärt, bei Dachau werde „das erste Konzentrationslager eröffnet“ mit „einem Fassungsvermögen von 5000 Menschen“. Hier würden „die gesamten Kommunisten, Reichsbanner und sonstigen marxistischen Funktionäre zusammengezogen“, da diese auf Dauer nicht „in ordentlichen Gefängnissen zu halten“ seien.

Nicht nur die verrohte und verzerrte Sprache fällt hier auf – der Reichsbanner war keine marxistische Organisation, sondern ein SPD-Verband, und „halten“ tut man eigentlich Tiere, nicht Gefangene –, sondern auch, dass die Einrichtung eines KZ 1933 anscheinend in aller Öffentlichkeit verkündet wurde.

Das war aber kein Einzelfall, wie die Lektüre eines neuen Forschungsbandes über „Frühe Konzentrationslager im Nationalsozialismus“ deutlich macht. Eine Reihe jüngerer Historiker hat in dem höchst lesenswerten Aufsatzband zusammengetragen, was man heute über die ersten KZ der Nazis weiß. Unser Bild von KZs ist ja eher vom Ende des NS-Horror her bestimmt, man kennt die KZ als Massenvernichtungsstätten für Juden und Andersdenkende, mit Leichenbergen und Gaskammern, merken die Herausgeber Sebastian Weitkamp, Christoph Thonfeld, Agnes Ohm und Nicola Wenge an. Die Frühzeit der Lager war zwar ebenfalls für die Häftlinge schrecklich, aber die Lager hatten andere Funktionen.

Zunächst einmal erstaunt, dass es schon 1933 über 100 improvisierte Lager in Deutschland gab. Die Rechtsgrundlage für die Errichtung war die Reichstagsbrand-Verordnung vom 28. Februar 1933, die zahlreiche Grundrechte außer Kraft setzte, auch die „Freiheit der Person“. Auf dieser Grundlage war nun „Schutzhaft“ möglich und der Weg für die Verhaftung abertausender Regimegegner war frei. Zwischen 45.000 und 50.000 waren es wohl bis Ende 1933. Nicht die Verfolgung von Juden, Homosexuellen oder Sinti und Roma stand anfangs im Vordergrund, sondern von Kommunisten und Sozialdemokraten. Weil die Gefängnisse durch die Verhaftungswellen schnell überfüllt waren, suchte man nach Ausweichmöglichkeiten – und begann, stillgelegte Fabriken (Dachau), ja sogar säkularisierte Klöster (Breitenau bei Kassel) oder Schlösser (Lichtenburg in Sachsen-Anhalt) zu requirieren. Unergiebig ist dabei die Begriffsdiskussion: Ob es sich nun um „wilde“ oder „frühe“ Lager handelte, ist pure Semantik. Den Begriff „Konzentrationslager“ indes erst für die Lager ab 1934 zu verwenden, als die SS die volle Verfügungsgewalt über die früheren Polizeihaftstätten übernahm, wäre falsch. Schließlich findet sich der Begriff „Konzentrationslager“ definitiv früher in den Quellen und wurde sogar schon für erste Abschiebestätten für unerwünschte Ausländer in den 1920er-Jahren verwendet.

Dachau war nun 1933 eines der ersten, aber nicht das erste KZ überhaupt. Schon am 3. März kamen die ersten Häftlinge in das KZ Nohra in Thüringen, am 10. März das KZ Neustadt/Pfalz und am 13. März das KZ Osthofen bei Worms. Je mehr man in dem Band liest, desto erstaunter ist man über die rasante Umsetzung der Ausnahmegesetze. Für das KZ Dachau haben das die drei Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte Christoph Thonfeld, Andre Scharf und Esther Lindenlauf dargestellt: Nach der „Machtergreifung“ Hitlers am 30. Januar 1933 war Bayern zunächst Zufluchtsstätte für Regimegegner, ehe die Nationalsozialisten am 9. März auch hier einen „Reichskommissar“ installieren konnten. Nicht einmal eine Woche später, am 13./14. März, begann ein Arbeitstrupp mit Instandsetzungsarbeiten in der stillgelegten Papierfabrik bei Dachau, am 21. März trudelte die Wachmannschaft ein (Polizisten, noch keine SS), am 22. März wurden die ersten Häftlinge eingewiesen – 76 Personen.

Ebenfalls erstaunlich ist – und das gilt für viele frühe Lager –, wie wenig man heute über die ersten Wochen im KZ weiß. Über den ersten Kommandanten des KZ Dachau, ein Hauptmann Schlemmer, ist noch nicht einmal der Vorname bekannt. Auch die stark schwankenden Zahlen der Inhaftierten und ihre soziale Zusammensetzung liegen im Ungefähren. Das Buch dürfte daher auch als Aufforderung zu lesen sein, hier die Forschungen zu verstärken.DIRK WALTER

Das Buch

Durchsetzung der Diktatur. Frühe Konzentrationslager im Nationalsozialismus, Wallstein Verlag, 511 S., 28 Euro. Die Buchvorstellung des Sammelbandes findet am heutigen Mittwoch, 22. Juli, um 18.30 Uhr im Besucherzentrum der KZ-Gedenkstätte Dachau statt.