Kränze stehen am Olympia-Einkaufszentrum am Denkmal „Für Euch“. © Sven Hoppe/dpa
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier beim Gedenkakt anlässlich des 10. Jahrestags des Attentats am Olympia-Einkaufszentrum. © Sven Hoppe/dpa (2)
München – Ihr Sohn habe immer nach ihr gerufen, wenn er nach Hause kam. „Mama, ich bin da“, schallte es vor der Tür. Er klingelte nie. Seit zehn Jahren wartet Yasemin Kılıç darauf, diese Worte noch einmal zu hören, die Stimme ihres Sohnes Selçuk Kılıç. Doch sie wird sie nie wieder hören. Am 22. Juli 2016, vor zehn Jahren, ermordete ein rechtsextremer Täter ihren Sohn am Olympia-Einkaufszentrum – und mit ihm acht weitere Menschen. Für Yasemin Kılıç ist seitdem die Zeit stehen geblieben: „Ich lebe nur in Erinnerungen, in Sehnsucht, in Schmerz.“ Jeder Morgen beginne mit den Gedanken an ihn, jeder Abend ende damit. Ihr Sohn wurde nur 15 Jahre alt.
Zehn Jahre später ist die Mutter gestern an den Ort zurückgekehrt, an dem ihr Sohn starb. Oder, wie sie sagt: „Der Ort, an dem unsere Familie in Stücke geschossen wurde.“ Zusammen mit den Angehörigen der anderen Opfer ist sie gekommen, um die Toten zu betrauern, zu erinnern – und zu mahnen, dass „Rassismus tötet“. Bei der Gedenkveranstaltung zum OEZ-Attentat. Auf der Bühne an der Hanauer Straße fielen immer wieder ihre Namen: Armela, Can, Sabine (alle 14), Roberto (15), Selçuk (15), Hüseyin (17), Giuliano (19), Dijamant (20) und Sevda (45).
Vor der Bühne saßen unter anderem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Ministerpräsident Markus Söder, Landtagspräsidentin Ilse Aigner, Innenminister Joachim Herrmann und Münchens OB Dominik Krause – und rund 700 Münchnerinnen und Münchner in der Menge. Schweigend, mit starrer Miene, hörten sie die Geschichten der Angehörigen. Wie die des Ehemanns der getöteten Sevda, Hacı Dağ. Er erzählte, dass sie gemeinsam eigentlich eine Reise in ihre Heimat, die Türkei, geplant hatten. Die Reise habe stattgefunden, doch für seine Frau statt im Auto im Sarg – im Frachtraum eines Flugzeugs. Er selbst sei hinterhergereist, sagte Hacı Dağ: „Wir wollten eigentlich zusammen alt werden, unsere Enkelkinder sehen. All das wurde uns in einer einzigen Sekunde entrissen.“
Oder Hüseyin Bayri, der das Attentat überlebt hat. Der in den Lauf der Tatwaffe des Attentäters schaute, wie er sagt, während sein Freund Giuliano Kollmann, einer der Getöteten, neben ihm lag. Der Attentäter sei auf ihn zugekommen, wollte ihn töten, doch er habe keine Munition mehr gehabt, erinnert sich Bayri. „Was an diesem Tag geschah, hat mein Leben für immer verändert. Ich war am Boden zerstört, innerlich zerbrochen.“
Doch die Hinterbliebenen sind nicht nur gekommen, um an ihre Liebsten, die Menschen hinter den Namen der Opfer, zu erinnern. Sie kamen auch mit einer Forderung: Sie wollen einen Untersuchungsausschuss im Bayerischen Landtag. Dieser soll unter anderem klären, wieso es mehr als drei Jahre dauerte, bis die Behörden die Tat als „rechtsterroristisches Attentat“ einstuften. Zuvor war von einem Amoklauf die Rede.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprach zuvor davon, dass man die Opfer nie vergesse. Er sagte auch, dass der Staat Konsequenzen aus solchen Taten ziehen müsse: „Wir müssen jede Spur von volksverhetzendem, rassistischem Sprechen, Handeln und Posten politisch bekämpfen – aber auch verfolgen und sanktionieren.“ Eines stehe fest: „Zuwanderungsgeschichte haben nicht nur einzelne Menschen – unser ganzes Land hat sie. Deutschland ist ein Land mit Migrationshintergrund. Das macht uns aus.“JULIAN LIMMER