In der Forschungsstelle „Historische Bildmedien“ der Uni Würzburg hält Leopold Kunert ein schönes Exemplar in der Hand. © Daniel Peter/epd
Würzburg – Es ist wie eine Zeitreise in Klassenzimmer vergangener Jahrzehnte: In einer alten Würzburger US-Armee-Turnhalle hängen 20.000 Zeugnisse europäischer Schulgeschichte. Alle erdenklichen Fächer sind vertreten, es gibt Roll- und Flachkarten für den Deutsch- und Geschichtsunterricht, aber auch für Physik, Biologie und Chemie. Inzwischen aber werden in Klassenzimmern kaum noch Wandbilder eingesetzt. „Wir erforschen ein Relikt früherer Schulzeiten“, sagt Ina Uphoff vom Institut für Pädagogik der Universität Würzburg.
Die Blütezeit der Roll- und Flachkarten im Schulunterricht liegt bereits mehr als 125 Jahre zurück. Um 1900 herum galten die Wandbilder als didaktisches Nonplusultra in den Schulen. „Erstmals konnte man auch komplexe Zusammenhänge grafisch vereinfacht darstellen“, sagt Ina Uphoff. Eben das ist auch einer der Forschungsansätze der Würzburger Forschungsstelle Historische Bildmedien: Wie wurde der Lehrstoff im Bild umgesetzt, wie didaktisch reduziert und was damit bezweckt?
Zunächst dienten die Bilder dazu, die Lebenswelt, Geschichte und Kultur in die Klassenzimmer zu bringen. Wie die meisten Medien wurden auch die Schulwandbilder zu Propagandazwecken missbraucht. Im Kaiserreich spielten etwa die kolonialen Besitzungen eine große Rolle, sagt Uphoff und rollt ein farbenfrohes Bild aus. Zu sehen ist eine idyllische Szenerie in Deutsch-Ostafrika. „Man wollte den Kindern so früh wie möglich zeigen, welche exotischen Ländereien mit zum Reich gehören.“ Nicht selten seien die Bilder visuell aufbereitete Selbstrechtfertigungen des Beutekolonialismus, sagt die Wissenschaftlerin. Überhaupt spiegelt sich das europäische Rassendenken der Zeit deutlich in den Wandbildern wider. Bilder aus der Zeit des Nationalsozialismus treiben diese Sicht auf unerträgliche Weise auf die Spitze.
Die zwei größten Schulwandbild-Verlage aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg saßen in Leipzig und Dresden. „Sie wurden völlig zerstört und nicht mehr aufgebaut“, sagt Uphoff. Die große Zeit der Wandkarten war da ohnehin bereits vorbei. „Die technische Entwicklung hat ihnen überall den Garaus gemacht.“DANIEL STAFFEN-QUANDT