Tierarzt mit Herz, Seele und 81 Jahren

von Redaktion

Sein VW-Transporter ist seine mobile Praxis. Dort hat Rainer Matzke alles parat, was er im Einsatz braucht.

Die Milchkuh Abraham Lincoln hat ein Kalb verloren. Der Tierarzt muss sie untersuchen.

Sein erster Einsatz des Tages: Dieser Kuh verabreicht Rainer Matzke eine Glukose-Infusion. Das Tier hat nach der Geburt eines Kalbs Probleme mit dem Stoffwechsel. © Andreas Mayr (3)

Murnau – Abraham Lincoln steht ruhig da. Sie schnaubt und senkt ihren Kopf in den Futtereimer. Eigentlich ist die Kuh des Biohofes im Murnauer Umland auf der Weide, doch an diesem Morgen nicht. Es ist kalt, und sie muss untersucht werden. Denn Abraham Lincoln ist trächtig – oder war es bis vor Kurzem. Ob sich das Kalb noch in ihr befindet, muss Rainer Matzke jetzt klären.

Der 81-Jährige behandelt Großtiere, hauptsächlich Rinder und Pferde. Auch Neuweltkameliden – wie Lamas und Alpakas im Fachsprech heißen – gehören zu seinen Patienten. 24 Stunden, sieben Tage die Woche ist Matzke für die Stalltiere und ihre Besitzer da. Sein VW-Transporter ist seine mobile Praxis, mit ihr fährt der Murnauer von Hof zu Hof. Die meisten Termine hat er tagsüber: Impfen, kastrieren, Verband wechseln, Nachkontrolle. Das kann man planen – Notfälle nicht. „Wenn a Geburt is, muss jemand da sein“, sagt Matzke. Wenn das Handy in der Nacht schrillt, steht er auf.

Es ist 10 Uhr am Morgen, als der Tierarzt auf den Hof des Biobauern fährt. Der Landwirt hatte ihn am Vorabend angerufen. Seine trächtige Kuh, Abraham Lincoln, kam ihm komisch vor. Der Bauch so leer und das Euter ganz dick, dabei hätte die Milchkuh erst Wochen später kalben sollen. Matzke war klar: Er muss sie untersuchen. Am Stall angekommen, geht der Tierarzt zügig zum Kofferraum. Dort lagert in ausziehbaren Schubladen alles, was er braucht: Medikamente, Kanülen, Spritzen, Infusionen, Verbandsmaterial. Er greift einen langen Plastikhandschuh, Desinfektionsmittel und ein Thermometer. Er muss in der Gebärmutter der Kuh tasten, ob dort ein Kalb ist oder nicht. Auf der Weide, wo Abraham Lincoln stand, hat der Bauer kein Neugeborenes gefunden.

Seine Liebe zu Tieren hat Rainer Matzke schon früh entdeckt. Als Bub wollte er einen Hund, letztlich musste er sich mit Wellensittich Pit begnügen. Ob er nicht Tierarzt werden wolle, fragte sein Biologielehrer ihn mit 14. Matzke wollte. Er ging zum Studieren nach München, machte 1972 seinen Abschluss. Seitdem arbeitet er als Tierarzt in Murnau, eine Weile hat er auch Kleintiere behandelt. Das ging wegen seiner Meerschweinchen-Allergie aber auf Dauer nicht. Also stieg er auf Großtiere um.

Viele Bauern, die seine Kunden sind, kennt er schon ewig. Er war schon der Tierarzt ihrer Großväter, so auch beim Biobauern. Matzkes Erfahrungsschatz ist für die Landwirte gold wert. „Er weiß immer, was der Kuh fehlen könnte“, sagt eine Bäuerin. Seine besonnene Art beruhigt die Tiere und ihre Besitzer. „Rainer ist ein Urgestein“, betont ein Pferdewirt aus dem Murnauer Umland. „Ein ganz besonderer Mensch.“ Einer, der immer ans Tier denkt. Und dafür private Zeit mit Familie und Freunden opfert. Für seine Patienten lässt er alles stehen und liegen, wenn es drauf ankommt. Manche Pferde im Umkreis kennt er seit ihrer Geburt. „Wenn ein alter Bekannter krank ist, fährt man natürlich hin“, sagt Matzke.

Im Stall tritt Matzke von hinten an Abraham Lincoln heran. Routiniert, aber sanft, hebt er den Schwanz der Kuh und tätschelt ihr Hinterteil. Dann führt er seinen Arm bis zur Schulter in das Tier ein. Er tastet für einen Moment in der Gebärmutter. „Die hat verworfen“, lautet sein Urteil. „Da kann kein Kalb mehr drin sein.“ Matzke zieht die Nachgeburt aus der Kuh, dann ist die Untersuchung beendet. Kontrolle in zehn Tagen, ordnet er an. Dann klingelt sein Telefon. Der nächste Bauer braucht ihn.

Früher, als es noch keine Handys gab, war es komplizierter, erzählt Matzke. Da bediente seine Frau zu Hause das Telefon, sozusagen die Zentrale, während er im Stall arbeitete. Kam ein Anruf rein, funkte sie ihn im Auto an, der Funk war mit der Hupe verknüpft. „Dreimal Hupen hieß: Jetzt pressiert’s“, erinnert sich Matzke mit einem Lachen. Dann musste er sofort zum Auto rennen. Die Zeiten sind lange vorbei, genau wie die des gemeinschaftlichen Deckstiers. Früher war es normal, dass ein Dorf sich einen Stier zum Decken der Kühe teilte, erzählt Matzke. Heute läuft das anders. Bauern können sich die Samen für ihre Kühe gezielter aussuchen und so einen leichten Stier für ihre Kuh wählen. Das ist ein Grund, warum er heute nachts viel weniger rausmuss, erklärt Matzke. Es gibt weniger Probleme mit Geburten, bei denen die Kälber zu schwer sind.

Natürlich könnte Matzke mit 81 Jahren ans Aufhören denken. Er hat eine Tierärztin in seiner Praxis angestellt, und in der Region gibt es noch andere Großtierärzte, wenn auch nicht viele. Ganz allein wären die Tiere also nicht. Doch seine Arbeit ist sein Lebenswerk. „Ich will weitermachen, bis es nicht mehr geht“, sagt er.

Das Telefon schrillt wieder, der nächste Patient ruft. Der Ochse hat einen Tumor im Gesicht und leidet. „Wahrscheinlich bösartig“, schätzt der Tierarzt und startet den Transporter. Er wird sehen, was er noch für den Bullen tun kann.

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