Eine Frau wird von einer Ärztin untersucht. Für Gewaltopfer ist dieses Angebot vertraulich möglich. © Getty
München – Viele der Menschen, die zu Barbara Stöttner und ihren Kollegen in die Rechtsmedizin der Münchner LMU-Klinik kommen, stehen noch unter Schock. Sie sind Opfer häuslicher Gewalt oder eines Sexualdelikts geworden. Zur Polizei zu gehen und Anzeige zu erstatten, ist für viele von ihnen in diesem Moment noch undenkbar. Nicht nur die Angst ist groß, oft auch die Scham. Doch wenn die Spuren des Übergriffs nicht bald nach der Tat gesichert werden, wird es später schwer, Täter zu überführen.
Deshalb gibt es für Gewaltopfer ein niedrigschwelliges Angebot in Bayern: die Vertrauliche Spurensicherung. In der Münchner Rechtsmedizin wird sie schon seit einigen Jahren angeboten – allerdings kann die Klinik sie erst seit einem guten Jahr anonymisiert bei der Krankenkasse abrechnen, erklärt die Ärztin Barbara Stöttner. „Früher hatten wir etwa 20 Fälle pro Jahr“, sagt sie. Diese Zahl habe sich inzwischen mehr als vervierfacht. Das Angebot wird immer bekannter. Und immer mehr Krankenhäuser ziehen nach. Zum Beispiel das Klinikum Garmisch-Partenkirchen. „Betroffene sollen die notwendige Zeit erhalten, um über ihr weiteres Vorgehen selbstbestimmt entscheiden zu können“, betont Thomas Händl, Chefarzt der Zentralen Notaufnahme in Garmisch-Partenkirchen. Gerade bei Fällen häuslicher Gewalt, spiele nicht nur Scham eine Rolle, sondern auch finanzielle Abhängigkeiten. Ihm ist wichtig zu betonen: „Niemand wird unter Druck gesetzt, wenn er das Angebot in Anspruch nimmt.“ Alle Mitarbeiter sind aber gut geschult. Sie informieren Betroffene über alle Hilfs- und Beratungsangebote. Und sie klären auch darüber auf, dass die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass sich Vorfälle häuslicher Gewalt wiederholen. „Unser Ziel ist es, Sicherheit und Orientierung zu geben, medizinisch zu helfen und den Betroffenen die Kontrolle über die nächsten Schritte zurückzugeben“, sagt Rainer Wahl, der Chefarzt der Gynäkologie. Aber gerade nach sexualisierter Gewalt sei eine behutsame, respektvolle und medizinisch sorgfältige Untersuchung entscheidend.
Im Rahmen der Untersuchung werden mögliche Verletzungen dokumentiert, biologische Spuren und weitere Beweismittel gesichert. Die Befunde und Asservate werden anschließend streng vertraulich an das Institut für Rechtsmedizin übermittelt und dort fachgerecht aufbewahrt. Und zwar zwei Jahre lang, wie Barbara Stöttner von der LMU erklärt. So lange haben Betroffene Zeit, eine Anzeige gegen die Täter zu erstatten.
Stöttner versorgt und untersucht nicht nur Gewaltopfer – sie kümmert sich auch um die Organisation und die Koordination für die Vertrauliche Spurensicherung in Südbayern. Alle Kliniken und niedergelassenen Ärzte, die das Angebot machen möchten, werden einen Tag dafür geschult, erklärt sie. Denn gewisse Qualitätsstandards sind bei der Spurensicherung sehr wichtig.
In den meisten Fällen sind Frauen die Opfer häuslicher oder sexualisierter Gewalt. „Aber auch immer mehr Männer nehmen das Angebot in Anspruch“, sagt Stöttner. Auch sie betont, dass niemand zu einer Anzeige bei der Polizei gedrängt werde. „Aber es werden Kontakte zu Beratungsstellen vermittelt.“ Ob sich die Betroffenen später für eine Anzeige entschieden haben, erfahren Stöttner und ihre Kollegen, wenn sich die Polizei meldet und um die Beweismittel bittet. „Das kommt bei etwa zehn Prozent der Fälle vor“, schätzt die Ärztin.KATRIN WOITSCH
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zur Vertraulichen Spurensicherung und den Anbietern gibt es online auf der Seite des Ministeriums: www.stmgp.bayern.de/vertrauliche-spurensicherung