Ein Kreuz gegen den Teufel?
Priester im Befreiungsdienst: Jörg Müller, Pallottinerpater aus Freising. © R. Lehmann/Getty
Freising – Glauben kann auch krankhafte Züge annehmen: Verdammungsängste, Leistungsfrömmigkeit, permanente Schuldgefühle. Wenn Menschen von solchen Bedrängnissen geplagt sind, finden sie bei Psychotherapeuten nur bedingt Hilfe. „Die Kirche muss diesen gequälten Menschen etwas anbieten“, sagt Jörg Müller. Der 82-Jährige ist ein Exot in der katholischen Kirche in Deutschland. Der Pallottinerpater aus Freising ist nicht nur Psychologe und Psychotherapeut – er ist einer der wenigen katholischen Priester, die als Exorzist wirken. Wobei: „Exorzist ist nicht der richtige Begriff. Ich bin ein Priester im Befreiungsdienst.“
Es ist eine Grauzone, in der sich der Seelsorger bewegt. 1994 wurde er in Freising zum Priester geweiht, 1995 hat er eine „Heilende Gemeinschaft“ gegründet. Mit sechs Mitarbeitern, ausgebildeten Therapeuten, bietet er eine stationäre, christlich orientierte Psychotherapie an. „Wir behandeln Menschen mit Ängsten, Depressionen, Burn-out, Sinnkrisen, religiösen Problemen und psychosomatischen Störungen.“ Doch Patienten mit schweren Depressionen, Suchtkrankheiten, Psychosen und Suizidfantasien sind hier falsch. Jörg Müller ist aber überzeugt, dass es Besessenheit gibt. „Die Menschen glauben doch an Schutzengel. Da ist es doch unlogisch, wenn es einen Teufel nicht geben sollte.“ Die Existenz des Teufels gehört bis heute zur Lehre der Kirche. Bei der Taufe etwa müssen die Paten im Namen des Täuflings dem Bösen widersagen.
Jörg Müller hat nach eigener Aussage Patienten erlebt, die zu schreien begannen, wenn man ihnen ein Kruzifix entgegenhielt. Die fluchen und sich vor Schmerzen winden. Sogar in fremden Sprachen sprechen. Das können aber auch „Übertragungen“ sein. Eine wirkliche Besessenheit ist laut Müller ganz selten: „Die Zahl der echten dämonisch bedingten Störungen ist gering, vielleicht fünf Prozent.“ In den letzten Jahren ist ihm das nicht begegnet.
Früher wurde er 300 Mal im Jahr von Betroffenen angefragt, die sich für besessen hielten. Heute sind es 200. Menschen, die Fratzen oder Schatten sehen. Die fluchen müssen und nicht beten können, Stimmen hören und sich berührt fühlen. Er wird auch in Häuser gebeten, auf denen angeblich ein Fluch lastet. Oft seien es angepasste Menschen, die Zorn und Ängste verdrängten. Es handele sich auch um Personen, die als Kind missbraucht wurden oder Drogen genommen haben. „Die meisten sind sehr religiös und eher ängstlich.“
Auf Wunsch von Patienten steht er für einen kleinen Exorzismus bereit. Das ist ein Befreiungsgebet. Und hat nichts zu tun mit Szenen aus satanischen Hollywood-Filmen, mit Schwefeldampf, Blitz, Donner und Schreianfällen. Das Gebet zum Heiligen Erzengel Michael spricht der Pater leise: „Ich möchte nicht, dass der Patient, wenn er Satan hört, zusätzlich traumatisiert wird.“ Das Gebet verwendet er auch als Test – indem er es nur in Gedanken spricht. Er ist davon überzeugt: Wäre wirklich Luzifer im Spiel, würde es zu einer Reaktion kommen. „Beweisen kann ich das aber alles nicht.“ Manchmal benutzt er einfaches Wasser anstelle von Weihwasser. Meldet sich dann der vermeintliche Dämon nicht, weiß er: Hier geht es nicht um einen teuflischen Widerpart.
Vor 50 Jahren hatte es in Bayern zuletzt einen schrecklichen Fall von Exorzismus gegeben: Anneliese Michel (23), Studentin der Religionspädagogik, starb an den Folgen eines exzessiven Exorzismus an Unterernährung. 67 Mal hatten zwei katholische Priester an der jungen Frau einen Großen Exorzismus durchgeführt. Er besteht aus Gebeten, Fürbitten und dem Besprengen mit Weihwasser. Der Priester wendet sich an Gott, um den Betroffenen von seiner Last zu befreien, und befiehlt dem Dämonen, von der Person abzulassen. Das Ritual darf nur mit ausdrücklicher Genehmigung des zuständigen Bischofs stattfinden, nachdem andere Ursachen (wie psychische Erkrankungen) ausgeschlossen wurden.
Die Folgen dieses erschreckenden Rituals haben ihre Spuren hinterlassen. Das Landgericht Aschaffenburg hat 1978 einen Prozess gegen die streng religiösen Eltern von Anneliese Michel und die beiden Geistlichen geführt – alle kamen mit Bewährungsstrafen davon. Die Deutsche Bischofskonferenz geht sehr vorsichtig mit dem heiklen Thema um. Eine Besessenheit lasse sich nicht beweisen, aber das Gegenteil auch nicht. Der Vatikan hat 1999 die Exorzismus-Regeln geändert: Seitdem wird nicht mehr der „Dämon“ direkt angesprochen, sondern Gott um Befreiung des vermeintlich Besessenen gebeten. Zudem müssen in jedem Fall medizinische Gutachter miteinbezogen werden.
Einen Großen Exorzismus führt Müller nicht durch. Aber er nimmt sich der gequälten Seelen an. Man müsse versuchen, ihnen beizustehen. Sonst suchten sie Hilfe bei fragwürdigen Gestalten. Dort werde manchmal über Stunden gebetet. „Als ob Gott schwerhörig wäre.“CLAUDIA MÖLLERS