Markante Felsformation: Die Steinerne Agnes entstand über Jahrmillionen. © imago classic
Berchtesgaden – Wer hinauf in die schroffen Flanken des Lattengebirges blickt, ahnt zunächst nicht, welches außergewöhnliche Naturdenkmal sich dort oben verbirgt. Auf rund 1300 Metern Höhe erhebt sich an der Südostflanke des Gebirgsstocks eine Felsgestalt, die mit etwas Fantasie verblüffend menschliche Züge trägt: ein etwa zehn Meter hoher Felsturm mit schmalem Körper und auffällig breitem, pilzartigem Kopf. Seit Generationen erkennen die Menschen darin eine alpine Sennerin mit ausladendem Hut. Das Bayerische Landesamt für Umwelt (LfU) führt die Steinerne Agnes als Nummer 25 in seiner Reihe „Bayerns schönste Geotope“.
Anders als gelegentlich behauptet, vereint sie nicht verschiedene Gesteine aus weit auseinanderliegenden Erdzeitaltern. Der Felsturm besteht nach Angaben des LfU hauptsächlich aus Ramsaudolomit. Dieses Gestein bildete sich vor etwa 220 Millionen Jahren in der oberen Trias. An der Stelle der heutigen Berchtesgadener Alpen befand sich damals ein warmes, tropisches Flachmeer, in dem sich Kalk, Dolomit und Mergel ablagerten. Später wurden die Schichten im Zuge der Alpenbildung angehoben und über lange Zeiträume der Verwitterung ausgesetzt, erläutert das Landesamt. Ihre eigentümliche Form verdankt die Agnes feinen Unterschieden innerhalb des Dolomits. Der schlanke Hals besteht aus Material, das kleinstückig zerfällt und von Regen, Frost und Temperaturschwankungen stärker angegriffen wird. Der Felskopf ist dagegen kompakter, kalkreicher und etwas widerstandsfähiger. Festere Lagen schützen die darunterliegenden weicheren Partien und verlangsamten deren Abtragung.
Über viele Jahrtausende verschwand deshalb mehr Gestein am Hals als am Kopf. Auf diese Weise wurde die pilzartige Formation allmählich aus dem umgebenden Fels herausgearbeitet. Die Steinerne Agnes ist somit weder ein Findling noch das Ergebnis eines einzelnen Felssturzes, sondern eine durch Erosion und Verwitterung geformte Momentaufnahme der Erdgeschichte. Diese geologische Besonderheit blieb auch auf Bundesebene nicht unbeachtet. Neben ihrer Aufnahme in die Reihe „Bayerns schönste Geotope“ wurde die Steinerne Agnes als „Nationales Geotop“ ausgezeichnet.
Doch die Menschen in den Berchtesgadener Tälern haben ihre eigene Geschichte. Ein Felsen, der so deutlich an eine menschliche Gestalt erinnerte, muss doch das Ergebnis eines übernatürlichen Ereignisses sein, heißt es. Demnach war Agnes eine gottesfürchtige und keusche Sennerin. Der Teufel stellte ihr nach und versuchte, sie zu verführen. Durch ihre Versteinerung sollte sie vor seinen Avancen geschützt werden.
Die Naturschönheit ist über eine Rundwanderung vom Hallthurm zu erreichen. Die als mittelschwer eingestufte Tour ist 8,9 Kilometer lang, überwindet 709 Höhenmeter und dauert viereinhalb Stunden. Von einer Besteigung wird abgeraten: Die empfindliche Felsformation soll aus der Distanz betrachtet werden.KILIAN PFEIFFER