Sie steuern und unterstützen: Carsten Lidl schildert seiner Mannschaft im neuen Landesamt die Einsatzlage – rechts Innenminister Joachim Herrmann. © STMI
München – Seit Tagen schon hat sich die Hochwasserlage zugespitzt, inzwischen haben zehn Landkreise den Katastrophenfall ausgerufen, sechs weitere stehen kurz davor. Carsten Lidl steht vor seiner Mannschaft und gibt einen Überblick. Vier Verletzte, neun Vermisste – nein, elf sind es inzwischen, korrigiert sein Kollege von der Polizei.
Über die Leinwand laufen Drohnenbilder. Bundeswehrsoldaten, die Sandsäcke aufschichten – die überschwemmte Uferpromenade von Passau. „Wir müssen auch hier davon ausgehen, dass die Lage eskaliert“, sagt Lidl zu den zehn Männern hinter den großen Bildschirmen. Tatsächlich wird es an diesem Tag noch einen Toten geben, ein Altenheim muss evakuiert werden und eine Polizeidienststelle wird vom Wasser abgeschnitten. Die Männer und Frauen im neu aufgestellten Landesamt für Bevölkerungsschutz organisieren Hubschrauber, lassen Polizeistreifen Gaffer vertreiben und kümmern sich nebenher auch um reibungslose Abläufe – vom Pressetermin mit dem Kanzler bis hin zur Getränkeversorgung für die Helfer.
Wie bitte? Hochwasser? Jetzt? Natürlich nicht. Das Szenario ist fiktiv. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) führt Medienvertretern das im April neu im Innenministerium angesiedelte Landesamt vor – eine bestehende Abteilung wurde dafür umstrukturiert und mit bestehenden Stellen personell aufgestockt. „Hier laufen die Fäden zusammen“, sagt Herrmann. Auch das Landespolizeipräsidium hat hier Führungsräume.
Es geht darum, im Ernstfall sofort reagieren zu können – worauf auch immer: Ein Hochwasser, ein extremes Wetterchaos, große technische Unfälle, ein Terroranschlag oder auch ein Angriff. Was genau passiert ist, sei eigentlich fast egal, sagt Martin Trebes, Inspekteur der Bayerischen Polizei. Am Ende gehe es darum, die Abläufe einzuhalten.
450.000 Hilfskräfte kann der Freistaat im Ernstfall in Bewegung bringen – sie kommen von den Feuerwehren, dem Roten Kreuz, Maltesern, Johannitern, dem Arbeiter-Samariter-Bund und der DLRG. Um sie schnell und effektiv einzusetzen, braucht es den Blick auf das große Bild. Je größer die Krise, sagt Herrmann, „desto wichtiger ist das Führen aus einer Hand“.
Doch es gibt auch Kritik: „Der Innenminister hat heute die neue Kommandozentrale präsentiert – offen ist aber weiterhin, ob Bayern genug Einsatzkräfte, Material und Reserven hat, die von dort aus koordiniert werden können“, merkt Christiane Feichtmeier an, innenpolitische Sprecherin der SPD im Landtag. Hier müsse der Freistaat besser vorsorgen.
Die Grünen fordern ebenfalls mehr Investitionen. „Bayern muss krisenfest werden – dafür braucht es nicht nur neue Namen, sondern echte Taten“, sagt Florian Siekmann, in der Landtagsfraktion für Innenpolitik zuständig. Das Landesamt müsse schnell ein eigenes Profil entwickeln und dürfe sich nicht nur als umbenannte Abteilung des Innenministeriums verstehen. Nötig sei zudem ein konsequenter Ausbau der Warn- und Sirenensysteme. „Außerdem muss das Landesamt die Kommunen durch regelmäßige Übungen auf neue Szenarien wie Cyberangriffe oder auch Extremwetter vorbereiten.“
Überschattet wird die Vorführung übrigens von einer gleichzeitig laufenden echten Lage – in den Büros drumherum werden während der laufenden Vorführung die echten Einsätze zur Bekämpfung des Brandes in den Chiemgauer Alpen koordiniert und unterstützt.SEBASTIAN HORSCH