Er entwickelt einen Alarm zum Fühlen

von Redaktion

Seine zerstörte Heimat: Stepan Zots ist aus Donezk in der Ostukraine geflüchtet. © AFP

Das Armband soll Warnungen für gehörlose Menschen spürbar machen. © Martin Hangen (2)

Seine Schlittschuhe konnte Stepan Zots auf seiner Flucht mitnehmen. Sonst kaum etwas.

München – Klick, klick, klick. Auf dem Computerbildschirm im Kinderzimmer von Stepan Zots dreht sich das digitale Modell eines schmalen Armbands. Mit jedem Mausklick bewegt er es ein Stück weiter und prüft den Entwurf von allen Seiten. Es ist kein gewöhnliches Accessoire: Das Armband soll das Signal einer Luftschutzsirene erfassen und seinen Träger mit kräftigen Vibrationen und auffälligen Lichtsignalen warnen. Der 15-Jährige vergrößert das Gehäuse in der Konstruktionssoftware, verschiebt zwei kleine Leuchtfelder um wenige Millimeter und vergleicht die Darstellung mit dem Prototypen auf seinem Schreibtisch. Dann nimmt er das graue Kunststoffmodell in die Hand und fährt mit dem Finger über die Kanten. „Am Anfang war es nur eine Idee“, sagt er. „Jetzt habe ich endlich etwas Greifbares.“

Plötzlich klingelt sein Handy. Seine Großmutter ruft aus der Ukraine an. Sie verständigen sich per Videoanruf in Gebärdensprache. „Ich arbeite weiter an dem Armband – für dich“, berichtet Zots. Seine Großeltern sind gehörlos und leben bis heute nahe der Front. „Wenn die Sirenen heulen, laufen alle in Deckung – nur sie merken es erst spät“, sagt er. Diese Vorstellung ließ ihn nicht mehr los und wurde zum Antrieb für seine Erfindung.

Stepan Zots beendet den Anruf mit einem Winken, doch das Handy legt er nicht sofort beiseite. Auf dem Display bleibt sein Profilbild stehen: Er selbst auf dem Eis, mit Helm, Trikot und Schläger. Dann wischt er zu einer älteren Aufnahme. Sie zeigt ihn als kleinen Jungen: Wieder steht er in voller Montur da, mit dem Trikot der Jugendmannschaft aus seiner Heimatstadt Kramatorsk. Dort besuchte der Schüler eine Sportschule, trainierte beinahe täglich und galt als Nachwuchstalent. „Ich wollte Profi werden – das war der Plan“, sagt er.

Der großflächige russische Angriff im Frühjahr 2022 beendete diesen Traum jedoch von einem Tag auf den anderen. Kurz nach Kriegsbeginn floh der damals Elfjährige mit seinen Eltern aus dem ostukrainischen Gebiet Donezk nach München. „Alles ging surreal schnell“, sagt er. „Ich wusste nicht, ob wir nur für kurze Zeit weggehen oder für immer.“ In dieser Ungewissheit wollte er etwas mitnehmen, das ihm Halt gab – und das war der Sport, der sein Leben bestimmte. Die Familie konnte kaum mehr als einen Koffer mitnehmen, und doch stand für ihn fest, dass seine Schlittschuhe hineingehörten. „Meine Eltern haben gefragt, warum ausgerechnet die mitmüssen“, erinnert er sich. „Aber ich wollte sie auf keinen Fall zurücklassen.“

Später wurde ausgerechnet dieses letzte Stück Heimat zum Schlüssel in ein neues Leben: Bei den Wanderers Germering im Landkreis Fürstenfeldbruck fand Zots eine Mannschaft und neue Freunde – bei einem Verein, dessen Namen er vor der Flucht nicht einmal kannte. Auch abseits des Eises nutzte der Schüler jede Möglichkeit, sich in seiner neuen Heimat einzufinden: An der Samuel-Heinicke-Realschule und mit viel eigenem Eifer lernte er schnell Deutsch. Für die Unterstützung dort ist er bis heute dankbar. Deutschland ist ihm zum zweiten Zuhause geworden, doch das erste hat es nicht ersetzt. „Ich nutze hier jede Chance“, sagt er. „Aber ich denke jeden Tag an meine Großeltern und die anderen Menschen dort, die nicht dieselben Möglichkeiten hatten.“

Beim Scrollen durch die Sozialen Medien stieß Zots auf ein Förderprogramm für junge Erfinder, entwickelte dort seine Idee weiter und reiste schließlich in die USA, um sie einer Fachjury vorzustellen. Für sein Warnarmband wurde er mit einer Medaille ausgezeichnet.

Seither geht die Arbeit weiter. Das Gerät soll wasserdicht und technisch zuverlässig werden. Geplant ist außerdem ein SOS-Knopf, über den im Notfall der Standort an Rettungskräfte übermittelt wird. „Dann kann das Armband nicht nur warnen, sondern auch Hilfe holen“, sagt der 15-Jährige. Am Ende zählt für ihn vor allem eines: „Wenn es auch nur einer Person hilft“, sagt er, „war die ganze Arbeit nicht umsonst.“

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