Eigentlich war ich stolz auf mich. Wiewohl nicht gerade mit übermäßiger Geduld gesegnet, habe ich bislang eines beherrscht: Lebensmittel dann zu kaufen, wenn es sie in unserem Land frisch geerntet gibt – und nicht bloß, weil ich gerade einen Gusto drauf habe, wie man in Österreich sagt. Artig warte ich also ab, bis auf dem Bauernmarkt Erdbeeren und Spargel angeboten werden oder die einheimischen Aprikosen und Pfirsiche locken. Sollte ich mal zum falschen Zeitpunkt bei meinem Freund Ludwig aus Niederbayern nach den kleinen, rauen Gurkerl fragen, die ich so gern mit vielen Gewürzen einlege, dann werde ich schnell belehrt: „Die kemman erscht in zwoa Wocha.“ Punkt.
Kürzlich gab es Zwetschgen bei Ludwig, obwohl – von frühen Sorten aus anderen Bundesländern abgesehen – die Haupterntezeit der besonders süßen Früchte erst Ende Juli beginnt. „Sind die denn schon reif?“, fragte ich misstrauisch. „Probier‘s“, antwortete Ludwig. Er ist nicht so der große Diskutierer. Ich folgte seinem Rat, fand die Zwetschge zwar wenig geschmackvoll, packte aber doch anderthalb Pfund ein. Zuhause machte ich einen Datschi, der viel Zucker und einige backtechnische Zaubertricks brauchte, um überhaupt nach etwas zu schmecken. Eigentlich … Als einzige Ausrede für meinen voreiligen Kauf kann ich geltend machen, dass mein Mann Datschi liebt. Und ich liebe ihn. Also habe ich meiner angeborenen Ungeduld Raum gelassen. Das war falsch. Denn natürlich ist es ungesund, so viel Süße in einen Kuchen zu packen, statt abzuwarten, bis die Früchte sie selbst in sich tragen.
Wieder einmal habe ich gelernt: Alles hat seine Zeit. Vermutlich wollte mich Ludwig bloß testen – ob ich wirklich weiß, wann was dran ist. Da geht es nicht um strenge Gesetzlichkeit, sondern um wahren Genuss. Wie soll der zustande kommen, wenn er verfrüht angestrebt oder gar zur Gewohnheit wird? Alle Köstlichkeiten dieser Erde immer, zu jeder Zeit … Wie langweilig ist das denn? Es braucht stattdessen Sehnsucht, Leidenschaft für das Leben in einer Vielfalt, die nicht immer zu haben ist.
Und die Fähigkeit, warten zu können – bis es so weit ist und sich erfüllt, was man erhofft hat. Alles hat seine Zeit. Auch Zwetschgen. Demnächst kommen die dicken, bläulich-violetten, samtig-weichen Früchte. Ich werde sie in aller Ruhe zu saftigen Datschis verarbeiten und mit wenig Zucker, dafür mit sehr, sehr viel Schlagsahne servieren. Ich möchte wieder ein bisschen stolz auf mich sein.