Durch seine Porträts wurde Franz von Lenbach bekannt. Er malte auch sich selbst.
Lenbachs eigene Familie: Lolo von Hornstein und die kleine Gabriele. © Böllert (2)
Stolzer Enkel: Reinhold Neven Du Mont mit einem Porträt seines Opas Franz von Lenbach.
Herrsching – Worte, Bücher, Autoren – sie haben Reinhold Neven Du Monts Berufsleben bestimmt. Von 1967 bis 2001 hat er den Verlag Kiepenheuer & Witsch geleitet und bedeutende Autoren bekannt gemacht – darunter Heinrich Böll, Wolf Biermann, Günter Wallraff, Dieter Wellershoff, Le Clézio und sogar Salman Rushdie. Nun möchte der gebürtige Kölner Gemälde der Welt präsentieren. Es handelt sich um bisher unbekannte Werke eines der berühmtesten Münchner Maler des 19. Jahrhunderts: Franz von Lenbachs, seines Großvaters.
Neven Du Mont ist Lenbachs letzter lebender Enkel und möchte – kurz vor seinem 90. Geburtstag – den berühmten Großvater auf besondere Art und Weise ehren. Er kennt ihn nur aus Erzählungen. Zwischen ihren Geburtsjahren liegen exakt 100 Jahre. Das abwechslungsreiche Leben des Künstlers kann der Enkel dennoch so detailliert und anekdotenreich schildern, als habe er sich als Bub in dessen Atelier hinter Staffeleien und Leinwänden versteckt, während Lenbach den Adel, das reiche Bürgertum, Fürst Bismarck und sogar den Papst porträtierte. Im Herbst wird Neven Du Mont in Herrsching am Ammersee Lenbach-Originale der Öffentlichkeit präsentieren, die außer im Familienkreis noch nie jemand zu Gesicht bekommen hat. Darunter auch solche aus dem Besitz eines Neffen und einer Nichte.
Die Skizzen, die unvollendeten Arbeiten sowie die ausgearbeiteten Meisterwerke zeigen den Star-Porträtisten des 19. Jahrhunderts von einer unbekannten Seite – als zugeneigten Familienmensch, stolzen Ehemann und Vater, der seine Liebe zu Frau und Töchtern am besten mit Öl auf Leinwand ausdrücken konnte.
Da gibt es zum Beispiel dieses kleine Mädchen, das sein Holzpferdchen an einer Schnur führt. Aus blauen Augen blickt es dem Betrachter ins Gesicht. Die Wangen sind pausbäckig und gerötet, um den Hals trägt die Kleine eine Perlenkette, ein Ärmel ihrer weißen Bluse ist verrutscht. Vielleicht ist sie gerade noch herumgetollt, bevor sie der Vater mahnte, einmal still zu stehen. Das Mädchen ist Gabriele, die jüngste Tochter des 1836 geborenen Künstlers. Gemalt hat Lenbach sie 1901, nur drei Jahre vor seinem Tod. Und: Es ist die Mutter von Reinhold Neven Du Mont, der nicht nur das Ölgemälde geerbt hat, sondern auch den aufmerksamen Blick aus blauen Augen – sowie all die mütterlichen Erzählungen über den zutiefst verehrten Vater, seinen Großvater.
„Die Bilder, die ich geerbt habe, sind sicher verpackt und vor Feuchtigkeit und Licht gut geschützt“, erzählt der Enkel, „doch sie schlafen schon zu lang einen Dornröschenschlaf.“ So wandte er sich an den Bürgermeister. Der erkannte sogleich den Wert und holte den örtlichen Kulturverein an Bord. Catharina Geiselhart, die zweite Vorsitzende, hat nun die Ausstellung kuratiert. Dabei ist der Kunsthistorikerin eine weitere Facette ins Auge gefallen: der frühe Gebrauch der Fotografie. Lenbach fotografierte seine viel beschäftigte Kundschaft oft, um sie so getreu wie möglich abzubilden – ohne ihr zu viele Porträtsitzungen zuzumuten. „Auch privat nutzte Lenbach bereits die Fotografie, was damals nur vermögenden Menschen möglich war“, erklärt Geiselhart, „er war ein experimentierfreudiger und technologieoffener Zeitgenosse.“ Faszinierend zu sehen ist, wie etwa das Gemälde „Franz von Lenbach mit Frau Lolo und Töchtern Marion und Gabriele“ mit dem Original-Foto korrespondiert: Auf beiden huscht der Vater noch schnell ins Bild, bevor der Selbstauslöser geht. Lenbach als früher Selfie-Jäger.
Im Kurparkschlösschen wird Reinhold Neven Du Mont aus einer Erzählung lesen, die er über seinen Großvater verfasst hat. Seit er den Verlag abgegeben hat, widmet er sich dem Schreiben und verbindet so auf der Ausstellung beide Welten: die des Wortes und die der Bilder.SUSANNE BÖLLERT
Die Ausstellung
„Entdeckungen – Unbekannte Werke von Franz von Lenbach“ läuft vom 17. Oktober bis 8. November. Das Kurparkschlösschen in der Scheuermannstraße 3 in Herrsching öffnet montags bis freitags von 14 bis 18 Uhr, samstags und sonntags von 11 bis 18 Uhr. Weitere Infos: www.kulturverein-herrsching.de.