Rund eine halbe Million Teenager in Deutschland müssen einen Angehörigen pflegen – oft ohne Unterstützung. © Getty
Hammelburg – Es ist der Abend des Abiballs. Und für Eva Schiffner geht ein großer Wunsch in Erfüllung. Ihre Mutter ist dabei, kann zusehen, wie sie und ihre Mitschüler das Ende ihrer Schulzeit feiern. Das ist alles andere als selbstverständlich. Die meisten großen Momente der vergangenen Jahre hat Eva Schiffner allein erlebt. Denn ihre Mutter leidet an einer psychisch-neurologischen Erkrankung. Lange hatte sie keine Diagnose. Doch seit Eva Schiffner 13 Jahre alt ist, muss sie ihre Mutter im Alltag unterstützen. Anfangs hatte sie noch ihren Vater an ihrer Seite. Doch er konnte den Haushalt für die Familie nicht stemmen. Eva Schiffner machte die Wäsche, kaufte ein, kochte für die Familie, bügelte dem Vater Hemden.
Heute ist sie 27. Erst neulich ist ihr aufgefallen, dass über der Waschmaschine immer noch der Notizzettel hängt, den sie sich damals geschrieben hatte. Manchmal staunt sie selbst, wie sie damals alles geschafft hat. Schule, Haushalt, die Sorge um ihre Mutter – und später auch ihren Vater. Denn auch er baute gesundheitlich immer mehr ab, ein Jahr lang musste Schiffner ihre beiden Eltern pflegen. Damals studierte sie bereits Pädagogik in Würzburg. Die Hälfte ihres Lebens hat sie abseits von Schule und Uni ein Leben geführt, von dem nur ihre allerengsten Freunde wussten.
Und sie ist kein Einzelfall. „Laut Studien kümmern sich in Deutschland rund eine halbe Million Kinder und Jugendliche um einen kranken Angehörigen – und die Dunkelziffer ist sicher viel höher. Nimmt man auch Eltern mit Sucht- und psychischen Erkrankungen dazu, sind vermutlich zwei bis drei Millionen junge Menschen betroffen“, sagt Petra Schmieder von Young Carer Coach. Das ist ein Projekt der Stiftung „An Deiner Seite“. Es unterstützt junge Menschen mit Sorge- und Pflegeverantwortung. Zum Kümmern zählt nicht nur körperliche Pflege, betont Schmieder. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen schmeißen oft den Haushalt, kümmern sich um Geschwister, stellen Anträge bei Krankenkassen. „Meist werden die Aufgaben im Laufe der Jahre immer mehr.“
Diese Jugendlichen fliegen oft unter dem Radar, betont Schmieder. „Weil sie in vielen Fällen auch gar nicht sichtbar sein wollen.“ Aus Angst, das Jugendamt könnte sie aus den Familien nehmen. Auch die Scham spiele eine große Rolle. Lehrer hätten oft kaum eine Chance zu erkennen, welche Last die Jugendlichen neben der Schule tragen müssen.
Diese Last möchte das Projekt Young Carer Coach leichter machen. Seit dem Start vor drei Jahren bekommt es immer mehr Aufmerksamkeit. Auch der Austausch mit der Stadt München und den Jugendämtern wird intensiver, berichtet Schmieder. Zum bayernweiten Aktionstag im Juli kamen 100 Teilnehmer. Das Projekt will vernetzen: Schulen, Sozialpädagogen, Sportvereine, Ärzte, Jugendarbeit, Erziehungsberater, Jugendämter – sie sollen dafür sensibilisiert werden, dass es viele Teenager gibt, die einen Angehörigen pflegen müssen. Und es geht darum, die Jugendlichen zusammenbringen, betont Schmieder. Nicht nur bei Aktionstagen, auch online oder bei Treffen in kleineren Runden. „Unser Appell ist: Holt euch Hilfe, tauscht euch aus.“ Und diese Botschaft wird stärker wahrgenommen, wenn sie von Betroffenen kommt. Deshalb sind junge Menschen wie Eva Schiffner sehr wichtig für die Stiftung.
Die 27-Jährige aus dem unterfränkischen Hammelburg will jungen Pflegenden zeigen: Ihr seid nicht allein. „Ich wäre sehr dankbar gewesen, wenn es so etwas in meiner Jugend schon gegeben hätte.“ Damals hat sie kaum über ihre Situation gesprochen. In der Schule wollte sie einfach nur Eva sein. Irgendwie hat sie es all die Jahre geschafft, ihren Optimismus nicht zu verlieren. „Ich hatte trotz allem viel Glück. Ich hatte immer einen Zugang zur Bildung, konnte studieren. Finanzielle Sorgen musste ich mir nicht machen.“ Trotzdem gab es Momente, die ihr gezeigt haben, wie anders ihr Leben verläuft. Wenn ihre Freunde lange Urlaube machten zum Beispiel.
Die Doppelbelastung hat für Eva Schiffner bis heute nicht aufgehört. Ihr Vater ist 2024 gestorben. Um ihre Mutter kümmert sie sich noch immer. Sie und ihr Freund wollen sich künftig mit ihr ein Haus teilen – damit es leichter wird, für sie da zu sein. Nebenbei promoviert sie und engagiert sich für die Stiftung. Sie sagt: „Ich möchte für andere jemand sein, den ich mir damals selbst an meiner Seite gewünscht hätte.“