DAS PORTRÄT

Mutmacherin für alle Familien

von Redaktion

Hülya Bingöl-Çağlayan aus Holzkirchen. © PLETTENBERG

Aufmerksamkeitsstörungen, Depressionen und soziale Ängste nähmen zu. „Viele gesellschaftliche Entwicklungen zeigen sich zuerst bei Kindern und Jugendlichen“, sagt Hülya Bingöl-Çağlayan. Das Anliegen der 54-Jährigen ist deshalb klar: Familien sollen früher Unterstützung bekommen, bevor Probleme größer werden. Dafür brauche es nicht nur medizinische Hilfe, sondern auch Orte, an denen Kinder und Jugendliche Gemeinschaft erleben können: Treffpunkte, Freizeitangebote und Räume, in denen sie sich ausprobieren können und angenommen fühlen. Besonders wichtig ist ihr die frühe Erkennung von Entwicklungsauffälligkeiten. Wie wichtig Vertrauen und Zugehörigkeit sind, kennt Bingöl-Çağlayan auch aus eigener Erfahrung. Die in der Türkei geborene Ärztin kam mit ihrem Mann und ihrem elfjährigen Sohn vor knapp zwei Jahren nach Holzkirchen (Kreis Miesbach). Anfangs fragte sie sich, wie sie mit ihrem Namen und ihrer Herkunft aufgenommen werden würde. Diese Sorge legte sich schnell. „Ich habe viel Offenheit, Respekt und Hilfsbereitschaft erlebt.“ Auch der Ort selbst habe sie sofort angesprochen: die Natur, die Berge, die Ruhe. „Für mich war schnell klar: Hier könnte ich mir ein Zuhause vorstellen.“

Dieses Ankommen hat bei Bingöl-Çağlayan den Wunsch verstärkt, selbst etwas beizutragen: Mit ihrer fachlichen Erfahrung möchte sie Familien früher erreichen und Unterstützung leichter zugänglich machen. Schon in der Türkei entwickelte sie ein Beratungsprojekt für Familien in Scheidungsprozessen mit. Zugleich will sie Menschen mit Migrationsgeschichte Mut machen, sich einzubringen. Viele würden sich selbst bremsen oder fragen, ob ihre Perspektive überhaupt gefragt sei. „Viele Hindernisse entstehen im Kopf“, sagt sie. Entscheidend sei, die eigene Geschichte nicht als Hindernis zu sehen, sondern als Stärke.MIRLIND GASHI

Artikel 1 von 11