Wettkampf auf dem Sattel

von Redaktion

Erste Bilanz: Neuling My Radl mit Anlaufschwierigkeiten auf dem Land

Überangebot? My Radl in Schöngeising.

Welcher Anbieter passt zu mir? Tomaso Cavalli (22) hat sich für Lime entschieden. © dw (2)

München – Welches Radl hätten S‘ denn gern? Lime, Voi, Dott, Call a bike – das Angebot an Leihrädern in München ist kaum noch zu übersehen. Vor allem an Touristen-Hotspots wie etwa am Hauptbahnhof stehen die teils mit E-Motor aufgemotzten Drahtesel dicht an dicht. Und dann ist im Leihradl-Wust noch ein neuer Anbieter aufgetaucht: My Radl als Nachfolger von MVG-Rad ist ein Angebot des MVV, der Stadt München sowie 36 weiterer Kommunen. Drei Monate nach dem Start gibt es für die Flotte von 6700 Fahrrädern, ein Drittel davon E-Bikes, eine gemischte Bilanz: Mit über 400.000 Ausleihen hat der Newcomer zuletzt stark angezogen (nach einem Monat waren es erst 116.000 Ausleihen). Doch boomt My Radl, wie Sprecher Martin Schenck bestätigt, vor allem in der Stadt: Nur ein Achtel (55.000) der Ausleihen gab es außerhalb Münchens. In München macht My Radl nun, staatlich gefördert, den anderen kommerziellen Anbietern Konkurrenz, wobei es zum Branchenprimus Lime noch ein Stück hin ist. Der verzeichnete nach Zahlen, die CityPartner verschickt hat, 230.000 Radlausleihen allein im Juni, dazu 764.000 E-Scooter-Fahrten.

Lime profitiert von der Verknüpfung mit Uber, was zum Beispiel auch Tourist Tomaso Cavalli aus Italien zur Ausleihe eines Lime-Rades bewogen hat. Gleich will er von der Goethestraße am Hauptbahnhof zu einem Museum radeln. Er kenne Lime ja schon aus Italien, sagt er. Die Idee von My Radl war ohnehin eine andere: Die Radl-Ausleihe sollte erstmals auch auf dem Land etabliert werden. Vor allem Besitzer eines MVV-Abos oder Deutschlandtickets profitieren – für sie sind die ersten 30 Minuten auf dem Fahrrad (nicht E-Bike) umsonst. Erst mit der S-Bahn ein Stück rausfahren, dann aufs Radl schwingen – das war das Konzept. „Während Privatanbieter aus wirtschaftlichen Gründen darauf angewiesen sind, ihre Räder an hochfrequentierten Standorten auszubringen, kann My Radl flächendeckend angeboten werden“, betont der MVV-Pressesprecher. Dafür erfand der MVV intermodale Verkehrsknotenpunkte, wo zum Beispiel auch Lastenräder angeboten werden. Beispiel Landkreis Fürstenfeldbruck: Hier wurden 67 Mobilitätspunkte aufgebaut, auch in kleinen Gemeinden wie etwa Schöngeising. Dort am Bahnhof allerdings stehen die My Radl meistens in Reih und Glied – die Ausleihe scheint überschaubar zu sein.

Neben fehlender Nachfrage auf dem Land von Anfang an ein Problem: Die Gemeinden müssen sich finanziell beteiligen. Angesichts knapper Kassen macht nicht jeder mit, auch nicht im Kreis Fürstenfeldbruck, wo etwa Emmering und Eichenau aus Kostengründen ablehnten, wie Martin Imkeller von der Stabsstelle Öffentliche Mobilität bestätigt. Der Kreis Fürstenfeldbruck hatte trotzdem Glück: Er bekam fast 2,2 Millionen Euro aus einem unter der Ampel-Bundesregierung aufgestellten (mittlerweile ausgelaufenen) Förderprogramm des Bundes „Klimaschutz durch Radverkehr“, um die Mobilpunkte mit Stromanschluss für E-Räder zu bauen. Andere Landkreise waren von Anfang an nicht zu begeistern. So gibt es My Radl bis heute nicht in den Kreisen Dachau, Ebersberg und Erding. Im Landkreis Starnberg beteiligt sich bisher nur Gilching. Von einem „flächendeckend“ ausgerollten Angebot kann im MVV bisher nicht die Rede sein.

Zusatzproblem: Konkurrent Lime dringt ebenfalls in Kommunen außerhalb Münchens vor. So gibt es Lime-Räder zum Beispiel in Fürstenfeldbruck, Germering, Gräfelfing, Unterhaching oder Haar. Lime ist sogar dort vertreten, wo My Radl nicht ist, etwa Karlsfeld, Dachau oder Krailling. Der Wettlauf hat offenbar begonnen. In einer zweiten Runde will der MVV ab 2027 in die Offensive gehen: 15 weitere Gebiete mit 280 Fahrrädern und 53 Standorten kommen dazu, darunter auch größere wie Bad Tölz, Geretsried, Wolfratshausen, Freising, Miesbach und Gauting. Indes: „Die Stadt Starnberg ist nicht dabei“, bedauert der MVV.

Noch eine Hürde gibt es: My Radl ist ein standortbasiertes System. Mieträder können nur an My Radl-Standorten abgegeben werden. Wenn während einer Tour pausiert wird, etwa mit einem Biergartenbesuch, läuft die Uhr weiter. Man kann also nicht zum Beispiel von München nach Starnberg radeln. Das freilich ist auch mit den Lime-Rädern nicht möglich.DIRK WALTER

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