Laura Gebauer, Museumsleiterin. © Karmann/dpa
Gustav Weisskopf aus dem mittelfränkischen Leutershausen vor seinem Motorflugzeug im Jahr 1901. © Stella Randolph
Leutershausen – Viele Kindergartenkinder aus Mittelfranken haben gegenüber dem Rest der Welt einen großen Wissensvorteil: Auf die Frage, wer als erster Mensch ein motorgetriebenes Flugzeug in die Luft brachte, antworten sie nicht automatisch: die Gebrüder Wright! Denn bei einem Museumsbesuch im Örtchen Leutershausen bei Ansbach haben sie erfahren: Das erste Motorflugzeug hat ein Franke entwickelt: Gustav Weisskopf.
Am 14. August 1901, also vor genau 125 Jahren, so ist es überliefert, hob die Maschine im US-Städtchen Bridgeport im US-Bundesstaat Connecticut vom Boden ab. Den Gebrüdern Wright gelang ihr erster Motorflug in Kitty Hawk erst im Dezember 1903. Auch das US-Luftfahrt-Standardwerk „Jane’s“, eine Art „Bibel“ für Luftfahrtexperten, ist sich seit 2013 sicher: „Die Wrights lagen richtig, aber Weisskopf lag vorne.“
Andere Experten sind nicht so überzeugt. So erkennt etwa das renommierte Luft- und Raumfahrtmuseum in Washington die Leistung von Weisskopf nicht an. Beim Besuch eines Reporters nur Monate nach der angeblichen Pionierleistung sei bei ihm nichts mehr von dem Flugzeug zu sehen gewesen – stattdessen habe er wieder an einem Dreidecker experimentiert, wie schon vor der „Nr. 21“. Und auch zehn Jahre nach dem angeblichen Pionierflug sei er nicht mehr in der Luft gewesen. Auch das Deutsche Museum in München erkennt Weisskopf nicht an.
Weisskopf hatte Deutschland um 1890 verlassen und war nach Jahren als Seefahrer und einem Aufenthalt in Brasilien 1897 in die USA gekommen, wo ihn die Boston Aeronautical Society anheuerte. Später baute er Flugmotoren. Doch der unternehmerische Erfolg stellte sich nie ein. Am Ende wurde er wieder Fabrikarbeiter und starb 1927. Seine Nachfahren haben heute noch Kontakt mit Leutershausen, sagt Museumschefin Laura Gebauer.
Eine halbe Meile, also rund 800 Meter, soll Weisskopfs Flug mit der aus Bambus und Seide gebauten „Nr. 21“ lang gewesen sein, mit einer Geschwindigkeit von rund 45 Stundenkilometern. Zeitungen berichteten Tage später von der Pionierleistung. Heute weiß man: Es muss eine Art Suizidkommando für den Piloten gewesen sein, der das Flugvehikel stehend lenkte. „Die Motoren seines Flugapparates hat Weisskopf mit Acetylen befeuert“, weiß Laura Gebauer. Sie leitet heute das 2023 in neuer Pracht eröffnete Gustav-Weisskopf-Museum in Leutershausen, dem Geburtsort des Entwicklers. Acetylen ist ein Kohlenwasserstoff, der extrem explosionsanfällig ist. Ein Funke hätte wohl genügt.
Auch das ist einer der Punkte, weswegen Weisskopfs Pionierflüge mit seinem Fluggerät Nr. 21 bis heute in der Fachwelt nicht vollständig anerkannt werden. Der Apparat sei nicht nachhaltig in der Luft steuerbar gewesen, die Hüpfer von Bridgeport könnten somit nicht als Motorflüge im eigentlichen Sinne gelten, argumentieren Kritiker. Beweise wie Filmaufnahmen oder Fotos gibt es nicht. Dennoch sehen Luftfahrtenthusiasten und zumindest ein Teil der Fachwelt die Sache anders. Für Professor Klemens Rother, der sich an der Hochschule München seit Jahren mit der Thematik beschäftigt, ist klar: „Für mich besteht kein Zweifel, dass die Condor Nr. 21 von Gustav Weisskopf geflogen ist“, sagt er.
Enthusiasten machten sich sogar die Mühe, die Nr. 21 originalgetreu nachzubauen. 1997 glückte ein Flugversuch in Manching, 1998 ein weiterer. In Leutershausen ist die „21B“ heute Prunkstück der Museumsausstellung. Die Frage, ob Weisskopf oder „Gustave Whitehead“, wie sich der Franke nach seiner Auswanderung in die USA nannte, wirklich motorisiert geflogen ist, entzweit bis heute die Fachwelt. Und der Luftfahrthistoriker John Brown zweifelt seinerseits den Flug der Gebrüder an. Der Schattenwurf und weitere Details auf einem der Bilder deuteten auf eine Manipulation hin. Ein echter Wissenschafts-Krimi.M. DONHAUSER & C. HORSTEN