Schüler einer offenen Ganztagsschule bekommen ihr Mittagessen auf die Teller portioniert. Erstklässler haben jetzt einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung. © Weihrauch/dpa
München – Noch genießen sie die Ferien, doch Mitte September heißt es für 134.000 bayerische Kinder: Willkommen in der ersten Klasse! Neu im Schuljahr 2026/27 ist, dass alle Erstklässler einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung haben. Das sind inklusive Unterrichtszeit acht Stunden am Tag. Noch im Februar beklagten Bayerns Kommunen, die für den Ausbau der Betreuungsplätze zuständig sind, dass Vorgaben des Bundes zur konkreten Umsetzung fehlen. Von 1312 Schulleitungen bundesweit gab ein Viertel in einer Forsa-Umfrage an, dass nicht für alle neu eingeschulten Kinder eine Ganztagsbetreuung gewährleistet werden kann. Wie sieht die Lage in Bayern aus?
Stand Januar 2026 sind rund 60 Prozent der bayerischen Grundschüler in einer Ganztagsbetreuung – das sind 311.000 Kinder. Sie gehen in Ganztagsschulen, Mittagsbetreuungen oder in Horte. Weil die Angebote ganz unterschiedlich organisiert sind, fehlt ein Überblick, wie viele Plätze ab Herbst zur Verfügung stehen. Sozialministerin Ulrike Scharf (CSU), deren Haus die Mittel aus dem Landesförderprogramm verteilt, versendet fast wöchentlich eine Pressemitteilung zu einzelnen Projekten: Erst am Montag gab Scharf bekannt, dass 36.927 Euro Fördergelder nach Biberbach bei Augsburg gehen. Stets heißt es: „Der Ausbau der Ganztagsbetreuung in Bayern schreitet mit großen Schritten voran.“ Nur: Wie weit? Das könne man nicht beantworten, weil die Kommunen zuständig seien. Das Kultusministerium und der bayerische Landkreistag antworten auf eine Anfrage ähnlich. Immerhin: Dass der Anspruch zum Start des neuen Schuljahrs nicht erfüllt wird, sei nicht bekannt.
Auf einen ersten Blick scheinen die Kommunen ihre Hausaufgaben gemacht zu haben. Unsere Redaktion im Kreis Weilheim-Schongau etwa befragte alle Gemeinden, Städte und Märkte – alle gaben an, dass die Ganztagsbetreuung für die Erstklässler gewährleistet sei. Mancherorts standen die Räumlichkeiten bereits zur Verfügung, anderswo musste umgebaut oder saniert werden. In Schongau laufen die Bauarbeiten in den Sommerferien noch auf Hochtouren, ein ehemaliges Jugendzentrum gegenüber der Grundschule wird ausgebaut. In Iffeldorf wurde das Schulgebäude bereits erweitert, und für die Ganztagsbetreuung eine Mensa geschaffen. Kosten hier: 2,5 Millionen Euro. Die Gemeinde rechnet mit 960.000 Euro Zuschüssen. Bayern stellt für den Ausbau der Ganztagsbetreuung 461 Millionen Euro zur Verfügung, dazu kommen Bundesmittel.
Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands BLLV, ist nicht zufrieden: „Wir sind in Bayern auf keinen Fall exzellent.“ Sie kritisiert, dass es bei den meisten Angeboten um reine Betreuung geht, im schlechtesten Fall lediglich um Aufbewahrung. Qualitativ hochwertige Bildung sei nur in professionellen Ganztagsschulen – gebunden oder kooperativ – möglich. Nur: Dafür fehlen Geld und Lehrkräfte, vor allem an der Mittelschule, auf die viele Kinder mit einem hohen Bildungsbedarf außerhalb des Elternhauses gingen. „Hier geht es um den Ausgleich der Bildungsungerechtigkeit“, sagt Fleischmann. Auch Mario Schwandt von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft GEW stellt „riesige Qualitätsunterschiede“ fest. „Wir kritisieren besonders die Mittagsbetreuung, die in keiner Weise unseren Qualitätsanspruch erfüllt.“ Dort seien zum Beispiel keine Fachkräfte nötig.
Das jetzige Konstrukt, ein Bauchladen aus verschiedenen Angeboten, das Ministerin Scharf gerne als „Werkzeugkasten“ bezeichnet, mag für das kommende Schuljahr reichen. Aber Fleischmann fürchtet die Zukunft: Ihr sind Fälle bekannt, in denen Dritt- und Viertklässler aus der Ganztagsbetreuung „rausberaten“, wurden, damit Plätze für Erstklässler vorhanden sind. Eine Entwicklung, die auch die GEW beobachtet. „Das ist ein Warnsignal, wenn das schon jetzt mit einem Jahrgang passiert“, sagt Fleischmann. Denn der Anspruch auf Ganztagsbetreuung gilt zunächst ja nur für die Erstklässler. In den Folgejahren kommt jeweils ein Jahrgang dazu.
Die Kommunen haben also noch viel Arbeit vor sich. Deshalb beginnt man etwa in Huglfing im Herbst mit dem Bau eines neuen Schulgebäudes samt einer Mittagsbetreuung. Es gibt aber auch Gemeinden, in denen der Druck nicht ganz so groß ist. Aus Obersöchering meldet der Bürgermeister, dass in seiner Gemeinde kein Bedarf an einer Ganztagsbetreuung besteht.C. ZIMNIOK, F. SELIGER