Es ist heiß und die Leute sind hitzig. An der Trambahnhaltestelle steht eine ältere Dame, die wutentbrannt über die Straße hinweg zur anderen Seite schreit. Ich traue meinen Ohren nicht. „Mein Gott, bist du langsam! Das ist ja nicht zum Aushalten!“ Das Ziel ihrer Anwürfe ist offenbar ihr Ehemann, der gemütlich bei Grün über den Zebrastreifen schlappt. Als die beiden in der Tram sitzen, geht es weiter. Die Frau verkündet lauthals, dass ihr Mann alles falsch gemacht hat. Er hat den Stadtplan nicht richtig gelesen, sich in der Himmelsrichtung geirrt und die verkehrte Straßenbahn ausgewählt.
Die zwei sind dorthin unterwegs, wo sie wahrscheinlich nicht hinwollten. Und zwar in jeder denkbaren Hinsicht. Was bei den beiden wohl los ist? Ich komme ins Grübeln. Manchmal vergessen Menschen ihre zauberhaften Anfänge und sehen fast nur noch Probleme – statt zur Auferbauung die ersten Liebesbriefe mal wieder zu lesen oder Fotos aus gemeinsamen schönen Zeiten anzusehen. Schau her – so glücklich waren wir in Paris, im Bayerischen Wald, in Wien, am Strand in Vietnam oder beim Radfahren. Die Betonung liegt auf glücklich – nicht auf „war“.
Traurig auch, wenn Paare nicht vergeben und vergessen. Ewig und drei Tage lang wird wiedergekäut, was gewesen ist. Längst vergangene Vorkommnisse werden ans Tageslicht gezerrt und immer wieder von vorne angefangen. Entweder eine Enttäuschung, ein Streit ist ausgesprochen, besprochen und geklärt, man hat sich wechselseitig angehört und verziehen. Oder eben nicht. Dann müssen zwei Menschen noch mal ran und die Sache untereinander in Ordnung bringen. Auch dann, wenn ihre Partnerschaften einen allzu gewohnten Gang gehen, langweilig werden und neue Impulse brauchen.
Mir geht viel durch den Kopf auf dieser Straßenbahnfahrt. Es gäbe bestimmt noch Chancen für die zwei… Aber die Frau hört nicht auf, sich über ihren Mann in aller Öffentlichkeit zu mokieren. Inzwischen redet der Ehemann mit dem Fahrer. Dann wendet er sich um und teilt seiner Frau ruhig mit: „Wir müssen an der nächsten Station umsteigen, dann kommen wir doch noch richtig an.“ Eine sehr gute Idee – auch im übertragenen Sinn. Sie schaut verblüfft angesichts dieser schnellen Lösung, kann es aber nicht lassen. „Es ist ja erstaunlich, dass du das noch hingekriegt hast!“, setzt sie bissig nach.
Der Ehemann sagt nur höflich: „Du siehst, ich kann auch ohne dich Sinnvolles tun.“ Ob sie bemerkt hat, welche Bedeutung dieser Satz hat? Hoffentlich. Denn dann wird sie sich mehr um ihn bemühen – damit er nicht eines Tages seine bewundernswerte Geduld verliert und alles ohne sie tut. Dafür ist man nie zu alt.