Martin Weckel ist Revierleiter im Nationalpark.
Der Mini-Bagger schaffte nur ein Teilstück.
5000 Kubikmeter Stein: Seit dem Felssturz Anfang August 2025 prangt ein Riss an der damaligen Abbruchstelle.
Pure Muskelkraft: Das Revierteam beim schweißtreibenden Bau des neuen Steigs im Wimbachtal. © NPV Berchtesgaden (4)
Ramsau – 4000 Kubikmeter Stein rauschen mit aller Wucht gen Erde. Als sich die Staubwolke lichtet, türmt sich der Haufen aus Schutt und Geröll direkt auf dem Wanderweg. Gut 150 Meter davon sind nach dem Felssturz im vergangenen Jahr im Nationalpark Berchtesgaden verschüttet. Ein Wanderer entkommt an jenem Augusttag den Steinmassen nur knapp mit dem Leben: Ein Felsbrocken verletzt ihn bloß am Fuß. Ihn und 19 weitere Wanderer fliegt die Bergwacht im Helikopter aus dem Wimbachtal aus. Einer der Augenzeugen stellt ein Video online, wenige Minuten später spricht ganz Ramsau über die Felslawine. Der beliebte Weg ist nicht mehr passierbar. Es herrscht Lebensgefahr: 5000 weitere Kubikmeter Stein drohen noch abzurutschen.
Jetzt, ein Jahr später, ist das noch immer so. Nahe der damaligen Abbruchkante befindet sich ein breiter Riss. Geologen überwachen ihn, regelmäßig werden Drohnenbilder erstellt, weiß Martin Weckel. Als Revierleiter obliegt dem 49-Jährigen die Verkehrssicherungspflicht auf den Wegen im Nationalpark Berchtesgaden. Und so bleibt der Weg kurz unterhalb des Trischübel-Passes (Nummer 419/421) im hinteren Wimbachtal nicht nur heuer, sondern auch in Zukunft gesperrt.
Der Felssturz steckt Weckel buchstäblich doppelt in den Knochen, denn er und sein Team mussten Ersatz für den hochfrequentierten Weg schaffen. Die Wimbachgrieshütte, das Kärlingerhaus und das Ingolstädter Haus wollten freilich im diesjährigen Sommer wieder für Wanderer erreichbar sein. Knifflig. Denn im Nationalpark, wo der Schutz der Natur höchste Priorität hat, baut man nicht einfach einen neuen Weg durch den Bergwald, wo Latschen tief wurzeln und womöglich die unterschiedlichsten Tiere leben.
Nicht nur der Bau eines neuen Weges treibt also Schweißperlen auf die Stirn, vorab auch das naturschutzfachliche und geologische Okay dafür zu kriegen. Das beliebte Wandergebiet liegt in einer geologischen Störzone, die sich viele Kilometer durch die nördlichen Kalkalpen bis nach Österreich zieht: „Das Gestein in der ‚Torrener-Joch-Zone‘ ist durch tektonische Vorgänge brüchiger, was Felsstürze begünstigt“, sagt Weckel. „Auch eine Stelle im Felsmassiv oberhalb der Wimbachgrieshütte wird deshalb beobachtet.“
Erst seit vier Wochen können Wanderer nun die neue Trasse nutzen, und so den Felssturzbereich im Banngraben in südlicher Richtung umgehen. „Bei ersten Begehungen vor Ort haben wir Eisenreste gefunden, die zeigen, dass hier schon mal eine Art Jägersteig verlaufen ist“, sagt Weckel. „Die Fundstücke könnten aus der Nazi-Zeit stammen oder älter sein.“ Im Wimbachgries – das Hochtal erstreckt sich entlang eines Bachs über zehn Kilometer durch imposante Felswände und alpine Wiesen – sollen sich einst tatsächlich Flüchtlinge und Widerstandskämpfer während des Zweiten Weltkrieges vor den Nazis versteckt haben.
„Im Vergleich zum alten Weg verkürzt der neue den Aufstieg, etwa Richtung Wimbrachgrieshütte, über 200 Höhenmeter um die Hälfte. Das zeigt, dass er wesentlich steiler ist.“ 30 Meter Drahtseil und zehn Trittbügel hat Weckels Team verbaut. Nur ein kleines Stück des 600 Meter langen Steiges konnte es mit einem Mini-Bagger bearbeiten, im Rest stecken pure Muskelkraft, 1000 Arbeitsstunden und gut 100.000 Euro. „Der Steig ist deutlich anspruchsvoller als der alte Weg“, sagt Weckel. „Aber eine einfachere Wegführung ist in diesem dynamischen hochalpinen Gelände leider nicht möglich.“ Der Felssturz erzwingt den Kompromiss – zwischen Bergsportlern, Hüttenwirten, Naturschützern und Geologen.CORNELIA SCHRAMM