„Es hätte Todesopfer geben können“

von Redaktion

Ursachensuche nach Pannen-Start der Boeing 787-9 – 60 Tonnen Kerosin abgelassen

Zwei Stunden lang kreiste die Boeing über dem südlichen Oberbayern und ließ dabei Kerosin ab. Unser Screenshot von Flightradar zeigt den Flugverlauf.

Die beschädigte Maschine der Vietnam Airlines nach der Landung auf der nördlichen Start- und Landebahn. © privat

München – Der Flughafen München ist beim missglückten Start einer Boeing am Samstag wohl nur haarscharf einer Katastrophe entgangen. „Das hätte einen Feuerball mit hundert Todesopfern geben können, wenn die Piloten die Maschine nicht noch hochgezogen hätten“, sagte Luftfahrt-Experte Heinrich Großbongardt der dpa. Die Boeing 787-9 der Vietnam Airlines mit Flugziel Hanoi war am Samstag kurz vor 14 Uhr über die 4000 Meter lange südliche Startbahn in Richtung Westen hinausgeschossen und eine Wiese entlanggeschlittert. Erst etwa 120 Meter danach hob der Dreamliner ab. Videos vom Start zeigen mächtige Staubwolken. Nicht auszudenken, wenn die Boeing Richtung Westen weitergerast wäre – in gut ein Kilometer Entfernung führt die Bundesstraße 301 am Flughafen vorbei.

Über die Ursache des missglückten Starts gehen die Meinungen stark auseinander, ohne dass gesicherte Erkenntnisse vorliegen. Das Startgewicht der Boeing könnte falsch berechnet worden sein, lautet eine unbewiesene Theorie. Eine zweite brachte der Youtube-Kanal Aeronews Germany in Umlauf. Demnach zeigen unveröffentlichte Aufnahmen, dass am rechten Fahrwerk eine teilweise geschlossene Bremse die Beschleunigung des Fliegers behinderte. Die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung in Braunschweig hat die Untersuchungen an sich gezogen. Ein Experte der BFU reiste nach München und besprach mit den Piloten der Maschine den Vorfall. „Wir vernehmen nicht, wir befragen sie“, betonte BFU-Sprecher Germout Freitag. Der Dreamliner wurde nicht beschlagnahmt, aber „wir haben die Recorder sichergestellt. Das ist das, was wir brauchen.“ Die Recorder sind landläufig als Black Box bekannt, tatsächlich bestehen sie aus zwei Einheiten: dem Cockpit-Voice-Recorder, auf dem also die Gespräche im Cockpit aufgezeichnet sind, sowie dem Flight-Data-Recorder. Die Maschine werde durch die BFU „in Kürze, das heißt am Montag oder Dienstag“ wieder freigegeben.

Allerdings ist die Boeing 787-9 ein Reparaturfall. Denn ehe sie endlich abhob, setzte das Heck des Flugzeugs auf und wurde schwer beschädigt. Zweimal überflog der Dreamliner mit 259 Passagieren und Beatzungsmitgliedern danach die nördliche Startbahn in geringer Höhe. Dabei wurde mit einer Augenscheinkontrolle das Fahrwerk überprüft. Schließlich landete die Maschine wie berichtet auf der Nordbahn, wobei mehrere Reifen platzten.

Vor der Landung war das Flugzeug etwa zwei Stunden in der Luft, um Kerosin abzulassen. Das sei eine gängige Methode, um die Sicherheit zu gewährleisten, sagt Kristina Kelek, Sprecherin bei der Deutschen Flugsicherung (DFS). In einer Höhe von etwa 9000 Fuß (2,74 km) wurden insgesamt 60 Tonnen abgelassen. Die Sorge, dass die Schadstoffe jetzt verteilt in der Landschaft liegen, sei indes unbegründet, erklärt die DFS-Expertin weiter. „Das Kerosin wird in der Luft bereits zersetzt, es gab noch nie Nachweise am Boden nach einem solchen Prozess.“

Flug VN34 kreiste am Samstag südlich des Flughafens, bis der Pilot schließlich wieder landete. Vom Westufer des Ammersees bis Wasserburg am Inn könnte also Kerosin abgelassen worden sein. „Wo genau das passiert, ist unmöglich zu sagen, da es während der Strecke geschieht“, sagte Kelek. Der Flughafen untersuchte die Startbahnen auf eventuelle Schäden. „Auf der Südbahn wurden nach dem Start der Vietnam Airlines Beschädigungen an der Anflugbefeuerung festgestellt, die umgehend repariert wurden“, erklärte Flughafen-Sprecher Robert Wilhelm.DIRK WALTER LUCAS SAUTER-ORENGO

Artikel 2 von 11