Die Zimmer der Wohngruppe sind alle belegt. Die Jugendlichenpsychotherapeutin Eveline Müller darf in Absprache mit einer Bewohnerin einen Blick ins Zimmer zeigen. © Astrid Schmidhuber
München – Es riecht noch nach frischer Farbe und neuen Möbeln – doch im Flur wird es immer bunter. Die Bewohner haben Fotos an ihre Zimmertüren gehängt und bunte Namensschilder aufgeklebt. Sechs Jugendliche aus München und dem Umland sind in den vergangenen Wochen in die intensivtherapeutische Wohngruppe eingezogen. Gemeinsam haben sie alle, dass sie über längere Zeit nicht mehr in die Schule gegangen sind. Einige von ihnen wurden von den Eltern angemeldet, in einigen Fällen wurde das Jugendamt aktiv.
Die Jugendlichen kommen nicht nur mit einem Reisekoffer hier an – sondern auch mit unsichtbarem Gepäck. Denn hinter der Schulabstinenz stehen meist ganz unterschiedliche Probleme. „Einige leiden unter Angststörungen oder Traumatisierungen, andere haben Mobbing-Erfahrung oder Depressionen, einige auch eine ADHS-Diagnose“, erklärt Eveline Müller, die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin. Ziel ist es immer, sie schnellstmöglich zurück in die Schule zu bringen. Dafür werden sie in der Wohngruppe von pädagogischen und psychologischen Fachkräften begleitet. „Für viele müssen wir neue Schulen finden“, sagt Eveline Müller. Weil es den Neustart manchmal leichter macht. Oder weil sie aus Regionen Bayerns kommen, in die sie von München aus nicht pendeln können. Sie werden im Schnitt 18 Monate in der intensivtherapeutischen Wohngruppe bleiben. Bis die neuen Alltagsstrukturen so gefestigt sind, dass sie zu Hause nicht wieder in alte Muster fallen.
An der Tür zur Wohnküche hängt ein gelbes Schild: „Handyfreie Zone“ steht darauf. „Wir wollen bewusst analoge Bereiche schaffen“, sagt Müller. Denn die hohe Bildschirmzeit ist bei fast allen Jugendlichen ein großes Thema. Einige verbrachten den Tag zum großen Teil mit Sozialen Medien, andere spielten oft bis tief in die Nacht Computerspiele – und fast alle haben verlernt, sich ohne Handy oder Tablet zu beschäftigen. Das wollen Müller und ihr Team ändern. In der Wohngruppe werden Alternativen angeboten: Tischtennis und andere Sportarten, Ausflüge, Korbflechten – sogar einen Keramikbrennofen wird es bald geben. „Wichtig ist vor allem ein strukturierter Tagesablauf“, sagt Müller. Die Jugendlichen stehen früh auf, frühstücken gemeinsam. „Dann schauen wir uns mit ihnen den Lernstoff an, den sie verpasst haben“, sagt die Psychotherapeutin. Auch die Ferienzeit nutzen die Fachkräfte, um die Jugendlichen auf das neue Schuljahr vorzubereiten. Mit einigen schauen sie zum Beispiel das neue Schulgebäude an oder sprechen durch, wie der erste Schultag sein wird.
Die meisten Jugendlichen aus der Wohngruppe sind vor den Ferien bereits wieder in den Unterricht gegangen. „Wir stehen im engen Kontakt mit den Schulen und würden informiert werden, wenn die Schüler nicht zum Unterricht kommen“, sagt Müller. Sie können sich auch von Fachkräften bis zur Schule oder zum Klassenzimmer begleiten lassen, wenn es ihnen das leichter macht. Einige brauchen mehr Zwischenschritte, um es wieder in den normalen Schulalltag zu schaffen. Erste Aufgaben sind zum Beispiel, dass sie ihre Schulbücher allein abgeben.
Manchmal müssen Müller und ihre Kollegen erst Widerstände überwinden, bis die Jugendlichen bereit sind, sich auf die Arbeit einzulassen. Auch das ist eine Sache, die sie hier lernen: radikale Akzeptanz. „Wir wollen ihnen beibringen, aus Situationen, die sie nicht ändern können, das Beste zu machen.“ Meist dauert es aber nicht lange, bis sie bereit sind, sich auf die Regeln und das Zusammenleben in der WG einzulassen, sagt Müller. „Sie finden hier Gleichaltrige mit ähnlichen Problemen.“ Viele hätten zum ersten Mal das Gefühl, angenommen zu werden.
Ihre Familien können die Jugendlichen regelmäßig besuchen – auch 15 Tage Urlaub pro Jahr dürfen sie mit ihnen machen. „Oft ist die Elternarbeit genauso wichtig“, sagt Müller. Einmal hatte sie einen Fall, dass ein Jugendlicher in den Ferien von seinen Eltern ein teures Hotel für den Besuch eines TikTok-Workshops spendiert bekam. Das war nicht hilfreich. „In der Elternarbeit sprechen wir darüber, wie der Alltag zu Hause klar strukturiert werden kann.“
Erst wenn der Schulbesuch wieder problemlos funktioniert, ziehen die Jugendlichen zurück zu ihren Familien. Bis dahin soll die WG ein geschützter Raum für sie sein, in dem sie auch soziale Fähigkeiten lernen. Jemanden um Hilfe zu bitten, beispielsweise. Oder Zivilcourage.
Finanziert wird die neue WG zum größten Teil von der Jugendhilfe. Die Eltern zahlen abhängig von ihrem Einkommen einen Anteil. Eveline Müller sind in Südbayern keine ähnlichen Wohngruppen bekannt. Der Bedarf sei aber sehr groß, sagt sie. Die sechs Zimmer, die es in München gibt, waren sofort vergeben. Es gibt bereits eine Warteliste.