Rettung auf vier Pfoten

von Redaktion

Die Johanniter-Hundestaffel trainiert nachts die Vermisstensuche

Dieses Mal ist der Einsatz im Wald nur eine Übung. Die Helfer trainieren für den Ernstfall.

Retter mit Spürnase: Claudia Krömmer und ihr Hund Gatsby sind mit der Hundestaffel der Johanniter regelmäßig im Einsatz. © Achim Frank Schmidt (2)

München – Knackende Zweige auf dem trockenen Waldboden, undurchsichtiges Dunkel zwischen den Bäumen. Nur die schmalen Kegel der Stirnlampen schneiden durch die Nacht. Vorne im Unterholz raschelt ein Hund. Dann gespannte Stille. Es ist kurz nach 22 Uhr in einem Industriegebiet südlich von München. Container eines Entsorgungsbetriebs stehen hinter einem Drahtzaun. Ein Einsatzfahrzeug der Johanniter wirft blaues Warnlicht in die Nacht. Nach und nach treffen ein gutes Dutzend Helfer ein: orange Hosen, weiß-graue Poloshirts, Hunde an der Leine.

Heute ist Übung. Ein paar Menschen haben sich im Wald versteckt. Suchtrupps rücken in Dreierteams aus: Hundeführer, Hund und Einsatzhelfer. Ihr Auftrag: finden.

Claudia Krömmer ist mit ihrem Hund Gatsby unterwegs. Ein 40.000 Quadratmeter großes Suchgebiet liegt vor ihnen. Die 40-Jährige markiert den Ausgangspunkt, prüft mit Puder aus der Sprühflasche die Windrichtung. Dann lässt sie Gatsby von der Leine. Der Goldie-Schäferhund-Mischling verschwindet zwischen den Bäumen. Nur das Klingeln seiner Decke und ein Neon-Halsband verraten, wo er ist. „Mit ein bisschen Erfahrung sieht man dem Hund an, wenn er Witterung hat“, sagt Krömmer. Sie beobachtet aufmerksam jede Bewegung. Gatsby läuft eine Schleife, dreht ab, nimmt eine Spur auf. Wenige Minuten später steht er bei der ersten versteckten Person.

Belohnung gibt es sofort: gekochtes Fleisch. Für Gatsby eine besondere Kostbarkeit, die er nur im Training bekommt. Seine sogenannte Kenndecke mit Glöckchen trägt er wie eine Arbeitskleidung. Wenn Claudia Krömmer sie zu Hause hervorholt, weiß er: Jetzt wird gearbeitet, jetzt muss er suchen.

Rettungshunde sind auf verschiedene Jobs spezialisiert. Mantrailer folgen der Spur eines Menschen, Flächensuchhunde durchkämmen große Gebiete, Trümmersuchhunde werden nach Gebäudeeinstürzen oder Erdbeben eingesetzt. Die Ausbildung ist anspruchsvoll: Zwei bis drei Jahre dauert sie, dazu kommen Sanitätsausbildung, Funk, Navigation und Katastrophenschutz. Die Prüfung gilt als hart; nur ein Teil besteht sie beim ersten Mal.

Auch Felix von Trotha ist noch in der Ausbildung. Seit rund neun Monaten trainiert der 31-Jährige mit seiner fünfjährigen Cocker-Spaniel-Hündin Thea. Sie ist deutlich älter als viele Hunde, die mit der Ausbildung beginnen. „Ich wollte schon immer etwas Ehrenamtliches machen, der Gesellschaft etwas beisteuern“, sagt von Trotha. „Und als Thea dann zu uns kam, war die Frage: Wie kann ich beides verbinden?“ Zweimal pro Woche trainieren die beiden, einmal drei, einmal fünf Stunden. Dazu kommen Lehrgänge an Wochenenden. Noch darf Felix von Trotha nicht bei Einsätzen mithelfen – seine Sanitätsausbildung ist noch nicht abgeschlossen.

Ein Alarm kann jederzeit kommen. Oft sucht die Staffel nach älteren Menschen mit Demenz, manchmal nach Kindern oder Jugendlichen. Zunächst wird das Umfeld von Polizei und Hubschrauber abgesucht. Wenn Wärmebildkamera und erste Maßnahmen keinen Erfolg bringen, kommen die Hunde. Für die Angehörigen ist der Einsatz kostenlos. Die Staffel arbeitet ehrenamtlich und finanziert sich über Spenden und den Fördermitgliedern der Johanniter.

Im Wald wird es nun lauter. Gatsby schlägt an, er hat die zweite Person gefunden. Rund zehn Minuten hat er gebraucht. Claudia Krömmer kümmert sich zuerst um ihren Hund, dann um die Versteckperson. Im echten Einsatz wäre das andersrum, da geht der Mensch vor– dann wird per Funk Hilfe angefordert. Und erst danach wird der Hund belohnt. Aber jetzt ist noch nicht Ernstfall, jetzt ist es noch ein Spiel für den Hund. „Das ist schon eine Herzensangelegenheit“, sagt sie. „Die Freude überwiegt ganz klar die Anstrengung.“

Dann geht die Übung weiter. Die Stirnlampen weden wieder angeknipst, die Lichtkegel tasten das Unterholz ab. Wieder knacken Zweige unter den Füßen. Aber irgendwann wird aus dem Spiel Ernst. Dann kann es um Leben oder Tod gehen.ACHIM FRANK SCHMIDT

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