Bessere Zeiten: Andreas Herbrecht mit Parasolpilzen.
Schlechte Nachrichten für Pilzsammler: Bislang ist in Bayerns Wäldern so gut wie kein Schwammerl zu finden. © Benjamin Nolte
München – Wenn Andreas Herbrecht durch die Wälder streift, ist er frustriert. Derzeit kommt der 65-Jährige meist mit leerem Korb nach Hause. Denn auf dem Boden sprießen nahezu keine Pilze. Die Hitze und Trockenheit der vergangenen Wochen haben große Auswirkungen auf das Wachstum der Schwammerl, die zu etwa 90 Prozent aus Wasser bestehen. Auch der Regen der vergangenen Tage hat nicht viel gebracht. „Aus mykologischer Sicht ist die Lage dramatisch“, sagt Herbrecht. Der Pilzberater der Bayerischen Mykologischen Gesellschaft hat bereits als Bub mit seinen Eltern Schwammerl gesammelt. Doch nun ist es ein schlechtes Jahr für ihn.
„Die Wälder in Oberbayern sind leer. Auf dem Boden sind keine Pilze zu finden“, sagt Herbrecht. Der 65-Jährige aus Forstern im Kreis Erding ist im Austausch mit anderen Pilzberatern. Im Ebersberger Forst oder im Forstenrieder Park etwa ist nichts zu finden. Zeitweise wollte Herbrecht schon gar nicht mehr in den Wald gehen. Bei jedem Schritt bemerkte er die Trockenheit. Zwar wachsen vereinzelt Pilze an Bäumen, sogenannte Holzbewohner. Doch durch Hitze und Trockenheit sind auch die Bäume angeschlagen, werfen teilweise schon seit einiger Zeit ihre Blätter ab – als Notmaßnahme. „Es ist eine gestörte Symbiose.“
Vergangenes Jahr war das noch anders. Erst neulich schaute Herbrecht auf seinem Handy Fotos an, stieß dabei auf Bilder vom letzten Jahr. Zu sehen: zahlreiche Schwammerl. „Heute ist es im Wald wie in einer Wüste.“ Mittlerweile sei die Lage zwar schon etwas besser als noch vor ein paar Wochen. Wie sich der Hitzesommer aber weiter auf die Pilzsaison in Oberbayern auswirkt, kann Herbrecht nicht sagen. Vielleicht fällt sie ganz aus, vielleicht verschiebt sie sich zeitlich nach hinten. „Es gibt keine Blaupause. Wir haben noch nie etwas Vergleichbares erlebt.“
Schwierig einzuschätzen ist die Situation auch deswegen, da nur die Fruchtkörper der Pilze geerntet werden – also der Teil über der Erde. Der eigentliche Pilz ist das Myzel. Es lebt als weit verzweigtes Geflecht im Boden. „Was mit dem Myzel passiert, wenn es so lange Hitze und Trockenheit ausgesetzt ist, wissen wir nicht“, sagt der Pilzberater.
Sollte das Myzel die Strapazen überlebt haben, könnten bereits kleine Faktoren entscheidend sein. Es braucht niedrige Temperaturen, insbesondere kühle Nächte, um zu wachsen. Und damit die Pilze anschließend gedeihen können, muss der Boden anhaltend feucht sein. Wie ergiebig die Pilze dann wachsen, ist wiederum abhängig von der Niederschlagsmenge sowie davon, wie gleichmäßig der Regen fällt und wie gut der Boden die Feuchtigkeit aufnehmen kann.
Wenn bald vermehrt Pilze aus dem Boden sprießen sollten, sind bestimmt Pfifferlinge dabei, sagt Herbrecht. Mit typischen Sommerpilzen, etwa dem Sommer-Steinpilz, wird es eher knapp. Aber: „Wir wissen es einfach nicht. Möglicherweise gibt es in manchen Gegenden einen Totalausfall.“
Zumindest einen guten Aspekt hat die trostlose Schwammerl-Zeit: Die Anzahl der Anrufe über den Giftnotruf ist so gering wie nie, berichtet Herbrecht. Während sonst um diese Zeit mindestens jeden zweiten Tag das Telefon bei ihm klingelt, hat er bisher im gesamten Jahr nur vier Anfragen gehabt. „Wenn es keine Pilze gibt, kann sich auch niemand vergiften.“FRANZISKA WEBER