„Alarmstufe Rot beim Eisenbahnnetz“

von Redaktion

Immer mehr Langsam-Fahrstellen: Verkehrsminister Bernreiter schreibt Brandbrief an DB

Chronisch verspätet: Die Südostbayernbahn auf der Strecke von München nach Mühldorf. Ein neuer Fahrplan soll her. © DIX

München – Als Bahnchefin Evelyn Palla im März zum Krisengipfel nach München reiste, gab ihr Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU) einen Appell mit auf den Weg. Die damals rund 100 sogenannten Langsam-Fahrstellen müssten dringend abgebaut werden. Als Zielmarke stellte Bernreiter das Jahr 2028 in den Raum. Seitdem ist fast ein halbes Jahr vergangen. Und die Zahl der Langsam-Fahrstellen ist weiter angewachsen. Auf derzeit 120 im bayerischen Eisenbahnnetz, wie Bernreiter mitteilte. Und das sorgt für Ärger.

„Die Lage ist besorgniserregend und eine Zumutung für Fahrgäste und Eisenbahnverkehrsunternehmen im Bahnland Bayern“, sagt Bernreiter. Im bayerischen Eisenbahnnetz gelte Alarmstufe Rot. Er habe deshalb einen Brandbrief an DB-Infrastrukturvorstand Philipp Nagl geschrieben. Nehme man zu den Langsam-Fahrstellen mängelbedingte Streckensperrungen hinzu, könne mittlerweile auf 45 Linien des Schienenpersonennahverkehrs in Bayern nicht mehr der reguläre Fahrplan eingehalten werden, klagt der Verkehrsminister.

Die Sanierung von Hochleistungskorridoren sei wichtig. Aber das bedeute nicht, dass der Verkehr in der Fläche so stark vernachlässigt werden dürfe. Die Bahn müsse schnellstmöglich einen nachvollziehbaren Masterplan mit konkreten Schritten vorlegen, wie die Langsam-Fahrstellen im Freistaat zügig und nachhaltig reduziert werden könnten.

Vor allem im Freistaat bekomme die DB InfraGO das Problem mit den Langsam-Fahrstellen nicht in den Griff. „Wir zahlen im bayerischen Nahverkehr jährlich über 900 Millionen Euro Trassenentgelte, sind damit der größte Finanzgeber für die Instandhaltung der DB, und die DB will rückwirkend und künftig sogar noch mehr Trassenpreise von uns. Und dafür bekommen wir aber mit die schlechteste Gegenleistung. Das passt hinten und vorne nicht.“

Bei den aktuell betroffenen 45 Linien gelten laut Verkehrsministerium entweder Notfahrpläne mit Schienenersatzverkehr, reduziertem Zugangebot, längeren Reisezeiten oder Haltausfällen. Oder aber die Züge seien durch nicht in den Fahrplan eingearbeitete Langsam-Fahrstellen permanent verspätet. Bernreiter nennt einige Beispiele, wo sich die Lage zuletzt zugespitzt habe. Auf den Strecken von München nach Mittenwald und Ingolstadt zum Beispiel.

Eklatant sichtbar wird der Sanierungsstau auf dem Abschnitt von München nach Mühldorf. Hier schafft es die Südostbayernbahn auch wegen diverser Langsam-Fahrstellen seit Monaten nicht, pünktlich zu sein. Und so dauert die Fahrt von München-Ost nach Ampfing beispielsweise nicht 54 Minuten wie im Fahrplan ausgeschrieben – sondern tagtäglich mindestens 70 Minuten. Diese Woche versprach die Bahn Abhilfe (wir berichteten). Demnach sollen die Züge ab 14. September wieder pünktlich unterwegs sein. Aber repariert sind die Langsam-Fahrstellen bis dahin nicht. Stattdessen wird der Fahrplan geändert. Heißt im Beispiel: Der Zug nach Ampfing ist eben ab Mitte September offiziell nicht mehr 54 Minuten unterwegs, sondern 70 Minuten. Die Züge starten einfach früher. Bis Ende des Jahres sollen dann die Langsam-Fahrstellen beseitigt werden. Aber dafür muss die Strecke dann erneut gesperrt werden.

Die Bahn räumte ein, dass die aktuelle Situation unbefriedigend sei. „Der Sanierungsrückstau, der sich über viele Jahre aufgebaut hat, ist erheblich und lässt sich nicht innerhalb kurzer Zeit vollständig beseitigen“, sagte eine Bahn-Sprecherin. Im Sommer seien weitere Hitzeschäden hinzugekommen. Man investiere derzeit aber so viel wie noch nie in die Modernisierung der Schieneninfrastruktur im Freistaat. „Allein 2026 fließen rund vier Milliarden Euro in das bayerische Netz.“AGE/DG/DPA

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