Nach kurzer Zeit ist der Müllsack gut gefüllt.
Hinter den Altglas-Containern liegt meist mehr Müll, als Otto Hopfner und seine Mitstreiter tragen können.
Sie kämpfen gemeinsam gegen den Müll anderer Leute: die Ehrenamtlichen Otto Hopfner, Marie-Luise Hopfner, Martin Wedel und Christiane Dietz (von links). © Marcus Schlaf (3)
München – Otto Hopfner weiß nicht, was ihn hinter den Containern erwartet. Aber er ahnt, dass es mal wieder mehr Müll sein wird, als er tragen kann. Der 66-Jährige geht bewaffnet mit einem Müllgreifer und einem Plastiksack um den Altglas-Behälter herum – und steht zwischen Flaschen, alten Zeitungen, Plastikresten, einer kaputten Schaumstoffunterlage, einem Schlafsack, einer Blechschüssel, Kabeln und allerhand weiterem Abfall. Sprachlos bleibt Hopfner stehen. Es ist erst wenige Tage her, dass er und seine Mitstreiter hier hinter den Containern alles eingesammelt hatten. Und nun sieht es schlimmer aus als vorher. „Und das ist fast jede Woche so“, sagt er.
Er lebt eigentlich in Prien am Chiemsee. Aber als Student hat er in Schwabing gewohnt, er liebt diese Gegend, ist oft hier bei seiner Lebensgefährtin. Und er will nicht dabei zusehen, wie sein Schwabing immer mehr vermüllt wird. Deshalb trifft er sich einmal pro Woche mit ein paar Gleichgesinnten. Heute sind Christiane Dietz, Martin Wedel und Hopfners Schwester Marie-Luise mit dabei. Alle sind ehrenamtlich hier – und finanzieren die Ausrüstung fürs Müllsammeln aus eigener Tasche. „Die Grünstreifen entlang der Straßen werden von der Stadt nicht aufgeräumt“, erklärt er. Doch genau dort landet viel Müll. Der Platz hinter den Containern ist nur einer von mehreren Schandflecken rund um die Münchner Freiheit, betont Hopfner.
Was sie tragen können, befördern die Ehrenamtlichen in ihre Müllsäcke. Vom Rest macht Hopfner ein Foto. Dann lädt er es auf der Internetseite der Stadt hoch, wo jeder Müllablagerungen melden kann. Er schreibt ein paar Zeilen dazu, gibt den Standort an. In ein paar Tagen wird er eine Meldung bekommen, dass der Müll abgeholt wurde. Aber nächste Woche wird es wieder jede Menge zum Einsammeln geben.
Der Kampf für ein sauberes München ist für Otto Hopfner und seine Mitstreiter eine Lebensaufgabe geworden – aber eine, für die man einen langen Atem braucht. Vor anderthalb Jahren beobachtete er eine junge Frau beim Müllsammeln, sprach sie an – und dachte sich danach: „Ich bin doch Rentner und hab Zeit – das mach ich auch.“ Die junge Frau war die Tochter von seiner Mitstreiterin Christiane Dietz. Aus Einzelkämpfern wurde eine Gruppe. Sie alle ärgern sich darüber, wie gedanken- oder verantwortungslos Menschen ihren Abfall zurücklassen.
Die Route der Müllsammler ist immer ähnlich. Vom Container geht‘s weiter zu den Schachtischen. Dort sitzen Obdachlose. Eine von ihnen beobachtet die vier, die mit ihren Müllgreifern Flaschen, Tempos oder Bananenschalen aus dem Gebüsch ziehen. „Danke, dass ihr das macht!“, ruft sie ihnen zu. Solche Momente gibt es hin und wieder, sagt Hopfner. Aber es gibt auch Anfeindungen. Wenn sie Leute ansprechen, die ihren Müll liegen lassen. Meistens werden die Müllsammler aber einfach ignoriert.
Christiane Dietz steht an einem Gebüsch. Schwarze High-Heels liegen dort, etliche kleine Schnapsflaschen, überall verteilt Papier und Plastikmüll, es stinkt nach Urin. „Hier hatte die Stadt erst vor Kurzem aufgeräumt“, sagt sie. Es gab ein großes Rattenproblem. Doch auch die Stadt kommt mit dem Aufräumen kaum hinterher. Otto Hopfner und seine Mitstreiter haben schon oft Kontakt aufgenommen. Mit dem Baureferat, mit dem Ordnungsamt, mit dem Bezirksausschuss. Wirklich Gehör gefunden haben sie nicht. Das ärgert Hopfner. Es gäbe doch Möglichkeiten, betont er. Videokameras, höhere Strafen, höheres Pfand auf Flaschen. „Die Stadt könnte mehr Geld für Parkausweise verlangen – und das Geld in die Straßenreinigung stecken.“ Oft hat er das Gefühl, die Vermüllung werde einfach hingenommen.
Für ihn und seine Mitstreiter ist das keine Option. Sie wollen sich mit anderen Initiativen vernetzen. Und weitersammeln. Inzwischen sind sie am Kaufhof angekommen. Die Straßen sehen hier sauber aus, darum kümmern sich die Café-Betreiber und die Straßenreinigung. Aber oft lande der Müll in den Grünstreifen oder unter den Bäumen. Dort liegt alles voll – mit Kronkorken, Plastikmüll, Zigarettenstummeln. Sogar eine halbe Tüte Nachos ist um einen Baum verteilt. „Das gibt es doch nicht“, schimpft Marie-Luise Hopfner. „So ist es doch kein Wunder, wenn die Ratten kommen.“ Während die Müllsammler mit ihren Greifern alles in ihre Säcke befördern, kommt ein älterer Herr auf sie zu. „Wo gibt es solche Greifer?“, fragt er. Sie kommen ins Gespräch, der Mann sagt, er ärgere sich auch über den Müll. „Toll, dass ihr das macht!“
Als die vier nach zwei Stunden zu ihren Rädern zurückgehen, trägt jeder einen vollen Müllsack, den sie entsorgen müssen. Außerdem hat Hopfner drei Meldungen bei der Stadt gemacht. Bis nächste Woche wird hier wieder genug Müll für vier Säcke liegen. Was sie machen, ist ein Tropfen auf den heißen Stein, das wissen sie. Aber es nicht zu tun, wäre noch schwerer auszuhalten.