Um diese Bäume dreht sich der Nachbarschaftsstreit. © tp
Beim Gerichtstermin in München: Uli Hoeneß (rechts) mit Ehefrau Susanne und ihrem Anwalt, dem früheren CSU-Bundestagsabgeordneten Peter Gauweiler. © SIGI JANTZ
München/Bad Wiessee – Nach zwanzig Minuten Gerichtsverhandlung platzt Uli Hoeneß (74) der Kragen: „Das ist totaler Blödsinn, was Sie hier sagen! Hören Sie mal auf, Lügen zu erzählen!”, ruft er mit hochrotem Kopf. Seine Frau Susanne tätschelt ihm den Arm, muss ihn bremsen: „Uli, jetzt reicht’s!”
Ziel der Tirade des Ehrenpräsidenten beim FC Bayern: der gegnerische Anwalt, der ihm zusammen mit Hoeneß’ Nachbarin im Landgericht München II gegenübersitzt. Die Frau verklagt den langjährigen Manager, es geht um zwei Bäume, die weg sollen (wir berichteten). In dem Eilverfahren spielen die Pflanzen auf seinem Grundstück aber fast nur eine Nebenrolle. In der Hauptrolle: Uli Hoeneß, der laut schimpft, dazwischenruft oder zumindest grimmige Blicke verteilt.
Und darum geht‘s in der Auseinandersetzung: Familie Hoeneß bewohnt in Bad Wiessee ein 7000-Quadratmeter-Grundstück mit Blick auf den See, nebenan residieren die Kläger. Ihnen zufolge versperren die Bäume die freie Sicht aufs Tegernseer Tal und Gut Kaltenbrunn am nördlichen Ufer. Dadurch sei, sagt Kläger-Anwalt Wolfgang Junghenn, „der Vermögenswert beeinträchtigt”, das Grundstück also weniger wert. Hoeneß kommentiert das so: „Da lachen ja die Hühner!” Stellenweise klingt er wie bei der legendären Wutrede, die er 2007 bei der Hauptversammlung des FC Bayern hielt.
Auf seinem Grundstück steht eine Gruppe aus fünf Bäumen. Drei davon wurden vor 15 bis 20 Jahren gepflanzt. Weil mindestens einer als Folge eines Schneebruchs in diesem Herbst gefällt werden muss, setzte ein Landschaftsgärtner diesen Mai die zwei neuen ein. Dann begann der Ärger. Nach Ansicht der Nachbarn verletzt die Pflanzung eine sogenannte Grunddienstbarkeit, eine Art ewigen Vertrag, der schon bestand, als Hoeneß 1975 das Grundstück kaufte. Die Dienstbarkeit besagt laut den Klägern: Nichts darf die Sicht aufs Tal behindern.
Bloß standen dort ja schon seit mehr als einem Jahrzehnt drei andere Bäume. Die vorigen Bewohner, die mittlerweile verstorbenen Schwiegereltern der Klägerin, hatten sich nie daran gestört. „Tolle Leute” seien das gewesen, sagt Hoeneß. Fakt sei außerdem: Die Nachbarn könnten Gut Kaltenbrunn schon seit 30 Jahren nicht mehr sehen, „weil da tausend Bäume stehen”. Als Anwalt Junghenn an seiner Sichtweise festhält, sagt Hoeneß: „Sie sind ja blind!” Wieder muss Susanne Hoeneß ihn tätscheln. Doch für den Beklagten steht fest, dass die Gegenseite nur „Scheißdreck” rede.
Richterin Monika Bauer versucht zu schlichten und regt einen Kompromiss an. Doch damit löst sie bloß ein wildes Feilschen zwischen Anwalt Junghenn und Hoeneß’ Vertreter, dem früheren CSU-Abgeordneten Peter Gauweiler, aus. Am Schluss dreht sich der Streit dann nicht mehr um zwei Bäume, sondern nur noch um einen. Doch die Parteien kommen nicht zusammen. Hoeneß sagt gereizt: „Wir werden keinen Baum verpflanzen. Wir machen alle weg!”
Dazu könnte es in der Tat kommen: Auf das Eilverfahren soll irgendwann ein Hauptverfahren folgen, in dem die Nachbarn verlangen, die ganze Baumgruppe zu tilgen. Der Ärger dürfte sich folglich noch einige Zeit hinziehen, denn eine Einigung erzielen die Parteien beim Termin nicht. „Ich kaufe lieber zehn Spieler, als mit denen zu reden!”, schimpft Hoeneß. Dann knöpft er sich seine Nachbarin persönlich vor: „In Wiessee lachen alle über Sie!”
Auf dem Grundstück sind im Sommer Schafe unterwegs, die das Gras abfressen. Die Bäume brauchen sie für kühlenden Schatten. „Das wäre doch jammerschade für die Tiere”, appelliert Susanne Hoeneß. Doch auch sie kann keine Einigung herbeiführen.
Eine Entscheidung will Richterin Bauer in knapp einem Monat verkünden. Hoeneß, noch mehrfach von seiner Frau getätschelt, stapft aus dem Saal. Für den Baumstreit hat er am Schluss bloß noch ein Wort: „Schikane!”TOM SUNDERMANN