Übergabe: Sohn Andreas Rothfischer (hinten rechts) mit Familie, Alpinpolizist Gregor Gatt (li.) und Bergführer Marco Span (hi. Mitte).
Alfred Rothfischer heute gemeinsam mit seiner Frau Waltraud.
Gipfelfoto aus dem Jahr 1963: Alfred Rothfischer (links) aus Wörth an der Donau mit seinen beiden Bergkameraden in Tirol. Unten im Kreis die Fundstücke. © privat (2), LPD Tirol, SPAN
Wörth an der Donau – Dass er diesen Rucksack je wiedersehen würde, damit hätte Alfred Rothfischer nie gerechnet. Mehr als 60 Jahre lang dachte er, das gute Stück wäre verloren: irgendwo auf 2955 Metern Höhe, mitten in den Stubaier Alpen in Österreich, auf dem Gletscher Sulztalferner.
Doch in diesem Juli machte Bergführer Marco Span eine Tour auf eben jenem Gletscher – und dabei einen außergewöhnlichen Fund: einen alten Rucksack mit Führerpickel, einer Kamera, Schuhputzbürsten, einer Pfeife und einer Brieftasche mit verschiedenen Zetteln. Weil Schnee und Eis zurückgegangen waren, sind die Gegenstände wieder aufgetaucht. Der Gletscher hat den Rucksack nach 63 Jahren freigegeben.
Span brachte die Ausrüstung, die augenscheinlich aus den 50er- oder 60er-Jahren stammt, zur Polizei. Der erste Verdacht: Jemand ist damals auf dem Gletscher verunglückt und das sind seine Sachen. „In den Stubaier Alpen sind immer noch Leute abgängig“, sagt Gregor Gatt von der Polizeiinspektion Neustift im Stubaital. „Vermisstenfälle verjähren nicht.“ Also begann er mit den Nachforschungen und durchsuchte die stark verwitterte Dokumentenmappe. „Auf einem der vielen Zettel war ganz schwach noch ein Name zu lesen“, erzählt er.
Einen dazu passenden Vermisstenfall gab es nicht, aber Gatt fand die Telefonnummer von Alfred Rothfischer aus Wörth an der Donau im Kreis Regensburg heraus. Er rief an. Rothfischers Frau Waltraud hob ab. Und man glaubt es kaum: „Sie wusste sofort, worum es geht, als ich sie gefragt habe, ob ihr Mann einen Rucksack vermisst“, berichtet er. Denn die Geschichte rund um den Rucksack hat Alfred Rothfischer, mittlerweile 86 Jahre alt, sein ganzes Leben nicht vergessen. Es war am 4. August 1963, als Rothfischer, damals 23 Jahre, mit zwei Freunden eine Gletscherüberquerung machte . „Er ist vorausgegangen und in eine Gletscherspalte gefallen“, erzählt sein Sohn Andreas Rothfischer. Zum Glück war die Gruppe für die damalige Zeit sehr modern ausgestattet und Rothfischer hatte ein Jahr vorher noch einen Kurs gemacht, wie man sich in solchen Lagen verhält. Die Gruppe war angeseilt unterwegs – und seine beiden Bergkameraden konnten Alfred Rothfischer halten. Doch um in dieser extrem gefährlichen Situation sein Gewicht zu reduzieren, warf der Gestürzte den Rucksack in die Gletscherspalte. „Alles ist gut ausgegangen“, sagt Andreas Rothfischer. Dank der Seilsicherung gelang es Alfred Rothfischer, sich aus der Spalte zu befreien.
„Er war danach noch öfter in den Bergen unterwegs und hat Hochtouren und Skitouren gemacht“, berichtet sein Sohn. Von dem Unfall auf dem Sulztalferner wurde in der Familie mehrmals geredet. „Wir hatten früher immer gewitzelt, dass der Rucksack vielleicht irgendwann wie Ötzi wieder auftauchen könnte“, sagt Andreas Rothfischer. Wirklich daran geglaubt hat niemand – doch nach 63 Jahren war es jetzt so weit.
Alfred Rothfischer konnte die gefundenen Gegenstände aus gesundheitlichen Gründen nicht selbst in Neustift bei der Polizei abholen, deshalb ist sein Sohn mit seiner Familie in dieser Woche nach Tirol gereist. Jetzt ist alles wieder bei Alfred Rothfischer in Wörth an der Donau. Und sein Sohn verrät: „Mein Vater hat sich sehr gefreut, als er die Sachen wieder gesehen hat.“