Familienglück: Ursula und Mike Höfling mit Adoptivhuhn Püschel. © Daniel Löb/dpa
Großostheim – „Kommt mal her, Mädels. Auf, kommt, hopp!“ Wenn Ursula Höfling in ihrem Garten in Großostheim arbeitet, kommen Gundula, Julchen, Püschel, Kiwi, Hildegard, Auguste und Resi angegackert. Die Hennen scharren im Sand, picken in der Erde, dösen unter der Kastanie oder legen ein Ei. Jede, wie sie will und kann.
Für fünf der sieben Tiere sind Ursula und ihr Mann Mike Lebensretter. Püschel, Gundula, Resi, Julchen und Kiwi stammen aus einer Massentierhaltung. Dort legten sie als Hochleistungshennen bis zu 300 Eier im Jahr. Lässt die Leistung nach, werden die Tiere meist geschlachtet.
Der Verein „Rettet das Huhn e.V.“ vermittelt ausgediente Legehennen stattdessen an Privatpersonen. Seit 2017 nimmt Familie Höfling solche Hennen auf. Mehr als 15 Tiere aus Legebatterien haben die Großostheimer seither aufgenommen und aufgepäppelt. „Die kommen in einem erbärmlichen Zustand“, erzählt die 62-jährige Ursula Höfling. „Sie sind körperlich total am Ende.“ Püschel etwa hatte kaum noch Federn, als sie im Dezember 2020 zu den Höflings kam. Andere Tiere hatten viel zu lange Krallen oder kaum Sonnenlicht gesehen.
Dass Legehennen unter den Bedingungen der Massentierhaltung leiden können, bestätigt der Deutsche Tierschutzbund. „Legehennen werden auf eine sehr hohe Eierproduktion gezüchtet und legen durch künstliche Beleuchtung bis zu 320 Eier pro Jahr“, erklärt Pressereferentin Kerstin van Kan. „Die hohe Leistung belastet ihren Körper stark.“
Besonders kritisch sehen Tierschützer die Bodenhaltung. Sie ist mit 56,7 Prozent die häufigste Haltungsform in größeren Betrieben. „Bei der Bodenhaltung leben Legehennen ausschließlich im Stall, der betonierte Boden ist eingestreut“, sagt van Kan.
„Sie haben keinen Auslauf ins Freie und teilen sich mit neun Tieren einen Quadratmeter.“ Dabei könnten Hühner ihre natürlichen Bedürfnisse nicht ausleben. „Die Hennen sind dadurch häufig sehr gestresst und unausgelastet, sodass sie Verhaltensstörungen entwickeln können und sie einander bepicken.“
In der Freilandhaltung haben die Tiere dagegen mindestens vier Quadratmeter Auslauf pro Huhn. Dort können sie scharren, Sandbäder nehmen, picken und laufen. In der Biohaltung gelten zusätzlich strengere Regeln, etwa beim Futter.
Der Bayerische Bauernverband verweist auf die gesetzlichen Vorgaben. „Die Haltungsanforderungen an Legehennen sind – anders als in Bezug auf andere Tiergruppen – in der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung sehr genau geregelt“, teilt der Verband mit.
Zugleich kritisiert auch er die langen Wege zur Schlachtung. Weil es nur wenige Schlachtstätten für Althennen gibt, seien längere Transporte die Regel. Die ausgemusterten Hennen werden zu Suppenhühnern, Wurst, Fertiggerichten oder Tierfutter verarbeitet.
Für die Höflings ist das keine Option. Bei ihnen wird schon lange kein Hühnerfleisch mehr gegessen. Mike Höfling, 64, verzichtet sogar ganz auf tierische Produkte. Stattdessen kümmert sich der frühere Gas-Rohrnetz-Meister voller Hingabe um seine Hennen: Er füttert sie, säubert das Gehege, kontrolliert sie auf Milben und fährt mit ihnen zum Tierarzt.
„Hühner sind unglaublich liebenswerte, verschmuste Wesen“, sagt Ursula Höfling. Die Tiere dürfen bei den Höflings in Ruhe und Würde alt werden. Legehennen können bis zu zehn Jahre leben. Und wenn eine von ihnen stirbt, bleibt sie sogar im Garten: Das Ehepaar beerdigt seine Hennen auf dem eigenen Grundstück. So endet auch ihr zweites Leben bei der Familie Höfling dort, wo es für sie begonnen hat – in Freiheit.