Das letzte Bier der Kessler-Zwillinge

von Redaktion

Kurz vor ihrem Tod kauften sich Alice (links) und Ellen Kessler bei Josef Ledl noch ein Bier. © dpa (2)

Nach 65 Jahren schließt Josef Ledl seinen Mini-Supermarkt in Grünwald. © Martin Becker

Grünwald – Die Buchstaben auf dem vergilbten Schild bröckeln schon seit einer Weile. „Lebensmittel Josef Ledl“ ist dort zu lesen, wenige Meter weiter hat der 84-Jährige das Gitter an der Ladentür extra heruntergelassen. „Damit die Leute schon von Weitem sehen: Jetzt ist zu“, sagt er. Vor dem Gitter steht ein Schild: „Leider muss ich meinen Klein-Edeka-Laden aus Altersgründen aufgeben. Ich danke Ihnen herzlichst für die erwiesene Treue und bitte um Ihr Verständnis!“ Einige der langjährigen Stammkunden leben mittlerweile nicht mehr – die Kessler-Zwillinge oder Modezar Rudolph Moshammer zum Beispiel – andere schon. Die Liste der Prominenz, die bei Josef Ledl einkaufte, ist lang. Sein etwas altmodischer Mini-Supermarkt inmitten der Villenlandschaft von Grünwald im Kreis München erscheint wie ein Kontrast zum offenkundigen Reichtum ringsherum. Aber weil Gegensätze sich bekanntlich anziehen, wirkte der letzte Tante-Emma-Laden in der Millionärs-Gemeinde wie ein Magnet für die Schönen und Reichen. Ledls Laden ist ein wenig aus der Zeit gefallen – und deshalb so attraktiv.

Mit Anekdoten aus 65 Jahren Lebensmittelmarkt könnten Josef Ledl und seine Lebensgefährtin Wilka Volcanjek ein Buch füllen. Gut erinnern sie sich an den 16. November 2025, ein Sonntagabend. „Das Telefon klingelte, die Kessler-Zwillinge waren am Apparat. Sie haben bei uns meistens Knäckebrot gekauft – dieses Mal fragten sie, ob sie zwei Flaschen gekühltes Augustiner-Bier bekommen könnten.“ Klar, kein Problem, Josef Ledl wohnt direkt über seinem Laden. Er geht die Treppe hinunter, holt zwei Halbe für Alice und Ellen Kessler. „Alles war wie immer, wir wussten von nichts.“ Tags darauf begingen die 89 Jahre alten Zwillingsschwestern Suizid.

„Viele gute Kunden“, erzählt Josef Ledl, „sind mittlerweile leider gestorben.“ Die Kessler-Zwillinge, aber auch Rudolph Moshammer, der 2005 in seiner Villa ermordet wurde. Er hat oft in der Küche neben dem Laden gesessen, erinnert sich Wilka Volcanjek. „Und auf dem Stuhl daneben sein Chauffeur.“ Einmal hatte sie ihre bei der Kundschaft sehr beliebten Vanillekipferl gebacken, da setzte Moshammer seine Hündin Daisy auf den Tisch, erzählt sie. „Und die frisst alle Kipferl weg.“

Geschichten wie diese gibt es unzählige. Denn die Historie des Tante-Emma-Ladens reicht zurück ins Jahr 1949, als Vater Josef Ledl eine Bäckerei betrieb. Er starb früh, nach einer Übergangsverpachtung stieg sein Sohn ein – und führte das kleine Lebensmittelgeschäft 65 Jahre lang. Das funktionierte, weil Ledl das Haus gehört, er und seine Wilka über dem Laden wohnen konnten. Kurze Wege, überschaubare Kosten. „Besser geht es nicht. Der Laden ist mein Hobby“, pflegte Ledl immer zu sagen. Der Umsatz? Nebensache. „Bei uns haben die Leute eben alles bekommen. Eine ältere Dame wollte immer nur drei Klopapierrollen haben, weil ihr die Großpackungen zu voluminös waren. Und als neulich eine Frau Äpfel kaufen wollte, sagte ich ihr, die sind doch schon ganz schrumpelig. Egal, sie seien fürs Pferd. Ich gab ihr den ganzen Korb – und rief hinterher: Grüßen Sie das Pferd von mir.“

Solche Begegnungen bleiben nun aus, zum 31. August hat Josef Ledl sein Gewerbe abgemeldet, Restbestände an gemeinnützige Tafeln oder Freunde verschenkt. Der Grund fürs Aufhören? Heuer, im Hitzesommer, ging die Kühlung kaputt. „Da lag früher der Frischkäse, da die Wurst“, zeigt der 84-Jährige auf die leere Theke. Er hätte ordentlich investieren müssen, auch in eine moderne Kasse. Bis zu 30.000 Euro hätte all das gekostet – zu viel Geld, selbst für seine älteste Tochter, die als einzige Nachfolgerin in Betracht gekommen wäre. Doch den teuren Umbau wollte Ledl ihr nicht zumuten. Zudem spürte er sein Alter, stürzte zweimal im Laden. „Ich könnte weinen“, sagt seine Lebensgefährtin Wilka, „aber es rentiert sich einfach nicht mehr. Und wir sind in einem Alter, da wird uns das alles zu viel.“

Damit verliert Grünwald eine traditionsreiche Anlaufstation. Senta Berger, Lena Valaitis, Kai Pflaume, Patrick Lindner, Nena – sie alle waren schon da. Und diverse Fußballstars. Ex-Nationaltorwart Oliver Kahn hat seinen Sohn David schon im Kinderwagen in Ledls Laden geschoben, Stürmer-Legende Giovane Elber „gab tagsüber oft seinen Hund bei uns ab, damit wir auf ihn aufpassen“. Schauspieler Joachim Fuchsberger erlitt eine Autopanne und wartete mit einem kühlen Bier bei Josef Ledl auf den ADAC, die Musik-Legende Max Greger blieb immer im Wagen sitzen, während seine Frau einkaufte. „Ich habe ihm jedes Mal heimlich ein Wiener Würstchen durchs Fenster gereicht“, erzählt Ledl und grinst.

Am Montag wird Josef Ledl 85. Seinen Ruhestand hat er sich längst verdient – sich daran zu gewöhnen, das fällt ihm noch schwer: „All die Ratscher – die werde ich vermissen!“

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