VOR 20 JAHREN

Bayern im Papst-Fieber

von Redaktion

Wie Benedikts Heimatbesuch 2006 erst Freistaat und dann die Welt bewegte

Im Papamobil durch Freising: Benedikt bei seinem umjubelten Auftritt im September 2006. © Hildenbrand/dpa

Vor dem Rückflug: Benedikt mit Kindern am Flughafen München. © Mächler/dpa

Vor 250.000 Gläubigen hielt Papst Benedikt XVI. im September 2006 einen Gottesdienst auf dem Islinger Feld in Regensburg. © Wolfgan Radtke/pa

München – Der Himmel war weiß-blau, die Menschen jubelten, der Mann aus Rom lächelte scheu, aber herzlich. Vor 20 Jahren, vom 9. bis 14. September 2006, besuchte Papst Benedikt XVI. seine bayerische Heimat. Es war ein Glaubensfest mit viel Sonnenschein, das vertonte Motto „Wer glaubt, ist nie allein“ sangen Tausende mit bei den großen Gottesdiensten. Die katholische Welt Bayerns schien in Ordnung.

Doch inzwischen ist eine viel beachtete Studie über Missbrauchsfälle in der Erzdiözese München und Freising erschienen, sie warf dem späteren Papst vor, in seiner Zeit als Münchner Erzbischof einen verurteilten Missbrauchstäter als Priester eingesetzt zu haben, ohne die betroffenen Gemeinden darüber zu informieren. Der Ende 2022 verstorbene Ratzinger und seine Vertrauten haben die Vorwürfe stets bestritten. Aber: Hätten die Menschen auch so gejubelt, wenn die Vorwürfe damals schon bekannt gewesen wären?

Doch 2006 war die Schlagzeile „Wir sind Papst“ noch frisch, der Missbrauchsskandal sollte erst später, ab etwa 2010, die katholische Kirche in Deutschland in ihren Grundfesten erschüttern.

Die Stationen München, Altötting, Marktl, Regensburg und Freising waren die „memory lane“ des bedeutenden Theologen, der nach Jahren im Vatikan seinen Ruhestand eigentlich in der bayerischen Heimat verbringen wollte. Die Kardinäle entschieden 2005 bekanntlich anders und kürten ihn zum Papst. In Marktl war er geboren, Altötting ist ein bedeutender Marienwallfahrtsort, in Regensburg lehrte er Theologie, dort lebte sein Bruder, in Freising wurde er zum Priester geweiht. „Es waren intensive Tage, und in der Erinnerung konnte ich viele Ereignisse der Vergangenheit, die mein Leben geprägt haben, noch einmal neu erleben“, sagte der Papst.

Der damalige Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) sprach vom „Papst der Herzen“, Gebirgsschützen, Trachtler, der bayerische Adel – sie alle hatten ihre Rolle im Spektakel. In Benedikts Geburtsort Marktl am Inn gab es plötzlich „Vatikan-Brot“, „Benedikt-Torte“ und „Ratzefummel-Radiergummis“. Und überall in Bayern wurde der Papst mit „Benedetto, Benedetto“-Rufen begrüßt.

War es Glaubensfest – oder Inszenierung? „Ich würde sagen, es war beides“, sagt der Religionssoziologe Detlef Pollack. Es sei das Bild eines katholischen Bayerns aufgerufen worden. „Allein zur Messe auf dem Münchner Messegelände kamen 250.000 Personen. Mit Symbolen und Riten – Mariensäule, Altöttinger Wallfahrt, Patrona Bavariae, Bayernhymne, Fahnen und Tracht – knüpfte man ganz bewusst an bayerische Traditionen an.“

Auf der anderen Seite sei es dem Papst aber darauf angekommen, deutlich zu machen, wo er herkam und wie eng die Verbindung zwischen Bayern und dem Katholizismus ist, betont Pollack. „Damals waren auch noch deutlich mehr als 50 Prozent der bayerischen Bevölkerung in der katholischen Kirche. Insofern war das auf der einen Seite eine Inszenierung, aber auf der anderen auch die Bestärkung eines durchaus noch lebendigen Erbes.“

Einige Tage nach der Rückkehr nach Rom fiel dann aber doch noch ein Schatten auf die Reise. Wegen einer Rede des Papstes an der Regensburger Uni. Benedikt zitierte aus einer Aufzeichnung aus dem 14. Jahrhundert, in der ein byzantinischer Kaiser gegen den Propheten Mohammed polemisiert. Dessen Lehren hätten nur „Schlechtes und Inhumanes“ gebracht, wie etwa die Vorschrift, den Glauben „durch das Schwert zu verbreiten“.

An das Zitat habe sich Benedikts Kernbotschaft angeschlossen, dass der Glaube nicht mit Gewaltanwendung vereinbar ist, sondern der Vernunft bedarf, betont Pollack. Und er sei noch einen Schritt weitergegangen, indem er sagte: Diese Verbindung zwischen Glauben und Vernunft, zwischen Religion und Wissen, das sei die Grundlage für die Verständigung zwischen den verschiedenen Kulturen. Darauf sei es Benedikt XVI. angekommen. Aber dieser Gedanke sei in der Auseinandersetzung um die Regensburger Vorlesung verloren gegangen.

Vielleicht müsse man dem Papst eine „gewisse Naivität“ zuschreiben, folgert Pollack, dass er die politische Sprengkraft seiner akademischen Rede unterschätzt habe. Zugleich sei das Thema in bestimmten muslimischen Kreisen auch ausgenutzt worden. „Da ist ganz bewusst Öl ins Feuer gegossen worden. Die Massenproteste in der islamischen Welt setzten ja erst drei Tage nach der Rede ein. Gewiss hat Benedikt XVI. unterschätzt, wie politisch seine Rede war. Zum Teil ist er aber wohl auch bewusst missverstanden worden.“KATHRIN ZEILMANN

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