Gorden Isler bei einem Einsatz auf der Sea-Eye.
Seit zehn Jahren engagiert sich Gorden Isler für die Regensburger Hilfsorganisation Sea-Eye – auf Einsätzen im Mittelmeer und über acht Jahre im Vorstand. Nun gibt er sein Amt ab und unterstützt den Verein wieder als Mitglied. Im Interview spricht er darüber, wie sich Seenotrettung verändert hat – und wie er mit Anfeindungen und Morddrohungen umgeht.
Sie waren acht Jahre im Vorstand der Organisation Sea-Eye. Als Seenotretter waren Sie Anfeindungen ausgesetzt – und erhielten Morddrohungen. Hatten Sie manchmal Angst?
Ja, es gab Phasen, in denen ich Angst hatte. Es kamen feindselige Mails mit offenen Drohungen bei mir an. Einmal hat mir jemand einen Kopfschuss angedroht. Damals war gerade Walter Lübcke ermordet worden. So etwas steckt man nicht einfach weg. Ich habe damals Anzeige erstattet. Und meine Familie habe ich konsequent aus der Öffentlichkeit herausgehalten.
Ist das auch ein Grund, warum Sie Ihr Amt jetzt abgeben?
Die Anfeindungen sind nicht der Grund. Aber die Aufgabe verlangte mir sehr viel ab. Es gehörte zu meiner Rolle an der Spitze der Organisation, anderen Sicherheit zu geben. Den Mitgliedern, den Mitarbeitenden und den Spendern. Man kann das nicht ausstrahlen, wenn man Verunsicherung zulässt. Ich habe damals auch gesundheitliche Grenzen überschritten. Menschenrechte werden mich weiter beschäftigen, aber jetzt als einfaches Mitglied von Sea-Eye.
Wie haben sich die Einsätze auf dem Mittelmeer verändert?
Die Rahmenbedingungen sind schwieriger geworden. Schiffe werden festgesetzt, die Rettung von Menschen wird in Italien mit Bußgeldern belegt. 2015 ging das Bild des toten syrischen Jungen Alan Kurdi um die Welt, der an der türkischen Ägäisküste angeschwemmt wurde. Damals waren alle schockiert. Mittlerweile fragt kaum noch jemand, wie viele Kinder jährlich an unseren Außengrenzen sterben. Im vergangenen Jahr ertranken 136. In Ceuta kamen im Juli innerhalb weniger Tage 60.000 Menschen an, mindestens 88 von ihnen sind dabei ums Leben gekommen. Und die Sprache, die die Politik dafür findet, ist „Angriff“. Das ist kein sprachlicher Ausrutscher, sondern Kalkül.
Sind Asylzentren an den Außengrenzen, wie die Politik sie plant, eine Lösung?
Nein. Solche Lager gibt es seit Jahren. Moria war für 3000 Menschen gebaut, zeitweise lebten dort 20.000, dann brannte es ab. So entwickeln sich diese Lager. Für die Menschen darin gibt es kein Vor und kein Zurück. Die sogenannten Grenzverfahren werden die Lager weiter füllen. Die EU-Mitgliedstaaten haben sich bei der GEAS-Reform von den Rechten treiben lassen, das Ergebnis sieht man jetzt. Aus diesen Lagern werden wir Bilder von Elend und Chaos sehen. Rechtsextreme Parteien brauchen Bilder, die Kontrollverlust zeigen. Die Mitgliedstaaten legen ihnen mit dieser Politik den Ball auf den Elfmeterpunkt.
Trägt auch die Seenotrettung dazu bei, dass in ganz Europa Rechte auf dem Vormarsch sind?
Das halte ich für abwegig. Die Rechten sind auf dem Vormarsch, weil die anderen Parteien ihre Positionen übernommen haben. „Wir müssen endlich im großen Stil abschieben“, sagte 2023 ein sozialdemokratischer Kanzler. Wenige Jahre zuvor war das die Sprache der AfD. Der Ton und die politische Richtung werden in Berlin, Rom und Brüssel gesetzt. Auf See werden Menschen vor dem Ertrinken gerettet.