Die große Kurvendiskussion

von Redaktion

Pisa-Abwärtstrend: Wie Politik, Lehrer und Schüler reagieren

Blick ins Klassenzimmer eines Gymnasiums. Sind hier die richtigen Weichen gestellt? © Wolfram Kastl/dpa

München – Desaströs. Aber nicht überraschend. So bewertet Bayerns Kultusministerin Anna Stolz (FW) die Ergebnisse der jüngsten Pisa-Studie. Noch nie haben die deutschen Schüler so schlecht abgeschnitten. In 14 OECD-Staaten waren die Ergebnisse in der Studie klar besser als in Deutschland, darunter in Estland, Kanada, der Schweiz und Österreich. Die Niederlande und Frankreich lagen mit Deutschland etwa gleichauf. „Wir sind zwar nicht dramatisch abgehängt“, sagte Studienleiter Samuel Greiff. „Aber wir werden unserem eigenen Anspruch als Bildungsnation nicht gerecht.“ An der Spitze liegt erneut Singapur.

Pisa 2025 bestätigt die Erkenntnis, dass in Deutschland der schulische Erfolg stärker als in anderen Ländern vom Elternhaus abhängt. Seit 2015 nimmt diese Kluft wieder zu. „In Deutschland sind nur zwei von 100 sozial benachteiligten Schülern leistungsstark. Unter sozial Privilegierten sind es 25 von 100“, sagte Greiff. Als Gründe für den Abwärtstrend nennt er mehrere Faktoren. „Nach Pisa 2000 haben wir uns deutlich verbessert, das hat unglaubliche Reformkräfte freigesetzt. Aber seit zehn Jahren beobachten wir einen Knick.“ Offenbar habe es den Eindruck gegeben, dass die große Aufholjagd geschafft ist.

Zugleich sei die Schülerschaft in den vergangenen Jahren unterschiedlicher geworden. Grund sei nicht nur Zuwanderung. Es gebe stärkere soziale Unterschiede und immer mehr psychosoziale Problemlagen. „Die Trennlinie läuft nicht zwischen Jugendlichen mit und ohne Zuwanderungshintergrund, sondern zwischen Jugendlichen aus sozial privilegierten und sozial benachteiligten Familien“, sagte der Experte. Viele Staaten schafften es besser als Deutschland, im Bildungswesen „unterschiedliche Voraussetzungen in eine Stärke der Vielfalt umzuwandeln“.

Zu einzelnen Bundesländern gibt es in der Pisa-Studie keine gesonderte Auswertung. Geht es nach Ministerin Stolz, sind die Weichen im Freistaat aber richtig gestellt. Bayern habe bereits nach den letzten Ergebnissen gehandelt. So seien die Fächer Deutsch und Mathematik in der Grundschule um sechs Wochenstunden aufgestockt worden. Und: „Rund eineinhalb Jahre vor der Einschulung erheben wir verbindlich den Sprachstand und schließen bei Förderbedarf eine verpflichtende Sprachförderung an“, so Stolz.

Der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft geht das nicht weit genug. Die Sprachkompetenz müsse auch an weiterführenden Schulen mit Leistungstests sichergestellt werden, forderte Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt. Angesichts der Erkenntnis, dass der schulische Erfolg hierzulande vor allem vom Elternhaus abhängt, fordert der Chef der SPD-Landtagsfraktion Holger Grießhammer: „Bayern muss endlich gezielt dort investieren, wo die Bildungschancen am schlechtesten sind.“

Und dann ist da ja noch das Personal: „Die Staatsregierung hat mit ihrem Stellenstopp in diesem Jahr das völlig falsche Signal gesetzt“, mahnt Ulrich Babl vom Bayerischen Realschullehrerverband. So sieht das auch Gabriele Triebel von den Landtags-Grünen. Das Stellenmoratorium sei „grob fahrlässig“. Simone Fleischmann vom BLLV sieht die Bundespolitik in der Pflicht. Sie fordert einen Masterplan für die Schule. „Warum lernen wir nicht endlich von den Besten?“ Wer von den Schulen Verbesserungen fordere, aber die Ressourcen dafür nicht bereitstelle, der dürfe sich später nicht wundern, „wenn es mit Pisa wieder nicht klappt“.

Der Bayerische Philologenverband verweist auf ein Problem, das auch Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) ansprach: die Smartphone-Nutzung bei Schülern. Die Philologen vermuten, dass stundenlanger audiovisueller Konsum am Handy auch dazu führt, dass schriftliche Aufgabenstellungen nicht verstanden werden.

Und was sagen die Schüler? Fehlende Basiskompetenzen seien nicht das Grundproblem, findet Amy Kirchhoff von der Bundesschülerkonferenz. „Wer sich nicht wohlfühlen und nicht partizipieren kann, kann auch nicht lernen.“ Kirchhoff weist auf Leistungsdruck und Mobbing hin, aber auch auf Stress durch Soziale Medien. Und gerade bei der digitalen Kompetenzvermittlung gebe es großen Nachholbedarf an den deutschen Schulen.DPA/MM

Artikel 1 von 11