Sie ist Allrounderin: Andrea Pfaller hilft im Stall, auf dem Bulldog, im Haushalt – überall, wo Hilfe gebraucht wird. © Guyton
Weißenburg – Andrea Pfaller weiß nie genau, was sie erwartet, wenn sie morgens um 6 beim Bauernhof ankommt. „In der Regel fange ich mit dem Stall an“, sagt sie. Kühe melken und füttern, den Stall sauber machen, die Kälber versorgen. Es kann aber auch sein, dass eines der kleinen Kinder Betreuung braucht. Manchmal trödelt eins. Oder das Frühstück ist noch nicht fertig. Oder ein Kind liegt mit Fieber im Bett. Andrea Pfaller ist Dorfhelferin. Dorfhelferinnen packen dort an, wo sie gebraucht werden. „Jeder Tag ist anders.“
Gerade ist die 24-Jährige in der mittelfränkischen Kleinstadt Weißenburg im Einsatz. Immer dort, wo eine landwirtschaftliche Familie für eine gewisse Zeit Unterstützung braucht. Zum Beispiel, wenn Bauer oder Bäuerin erkrankt sind und der Betrieb gefährdet ist. Oder wenn ein Kind zur Welt gekommen ist und die Familie in der Anfangszeit Hilfe braucht. Landwirte können sich nicht einfach krankschreiben lassen. Und Wochenende oder Urlaub gibt es für sie auch nicht. Sie müssen sich 365 Tage im Jahr um ihren Hof und die Tiere kümmern.
Die Singers (Name geändert) brauchen ihre Hilfe seit der Geburt der jüngsten Tochter. „Ich war überlastet“, sagt die 33-jährige Bäuerin Maria Singer. Inzwischen ist das Mädchen zehn Monate alt. Außerdem gibt es zwei kleine Buben, vier und sechs Jahre alt. Ohne jemanden, der im Haushalt hilft und auf dem Hof mitarbeitet, wären die Singers gerade in einer echten Notlage. Denn auch die Schwiegereltern brauchen manchmal Betreuung. Hans Singer (39) bewirtschaftet 80 Hektar Ackerbau und Grünland – verteilt auf kleine Parzellen in der Umgebung. Für ihn allein ist das nicht zu stemmen.
Dorfhelfer ist ein eigener Beruf. Andrea Pfaller hat eine Ausbildung zur Hauswirtschafterin. Sie und ihre Kolleginnen (männliche Dorfhelfer gibt es fast nicht) setzen dann noch eine ein- bis zweijährige Zusatzausbildung drauf. Um sich möglichst breit aufzustellen. Dabei dreht sich alles um die Arbeit von Landwirten. Hauswirtschaft, Betriebsführung, Tierhaltung, Kinderbetreuung, Säuglingspflege. Sie hat Praktika auf verschiedenen Höfen gemacht. Aber auch in der Alten- und in der Kinderpflege, in einer Behinderteneinrichtung und in einer Großküche. Angestellt ist sie beim Evangelischen Bildungszentrum Hesselberg, der einen Dorfhelferinnen-Dienst betreibt. „Dorfhelferinnen sind im Einsatz, wenn es wirklich brennt“, sagt die Sprecherin Christine Marx. Ihr Verdienst liegt bei 34.000 bis 40.000 Euro brutto pro Jahr.
Andrea Pfaller hat vor Kurzem die letzte ihrer vier Wochen auf dem Hof in Weißenburg begonnen. Hans Singer lässt sie nur ungern gehen. „Sie hat eine sehr zupackende Art“, sagt er. Es gehöre zum Job, zu sehen, was gerade am dringendsten zu tun ist, sagt Andrea Pfaller. „Mal den Boden wischen, die Spülmaschine einräumen oder sich mit einem Kind beschäftigen – es gibt immer genug zu tun.“
Pädagogisches Gespür ist auch wichtig: Wie freundschaftlich, feinfühlig oder streng sollte man gegenüber einem Kind sein, wann überschreitet man eine Grenze? Wenn Luft ist, mäht Andrea Pfaller mal den Rasen oder kümmert sich um das Gemüsebeet. Manchmal fährt sie auch mit dem Traktor. Und im Laufe der Zeit ist sie für die Familie auch zur Vertrauensperson geworden. „Dorfhelferinnen erfahren manchmal sehr viel“, sagt sie. Über Ängste der Bäuerinnen oder Bauern, Konflikte mit der älteren Generation, vielleicht auch über finanzielle Probleme der Familie.
Andrea Pfaller hat vier Stunden Mittagspause, mit dem Auto fährt sie 20 Minuten nach Hause und nachmittags wieder zurück. Nun ist erneut der Stall dran. 50 Kühe melken, weitere 80 Kälber und Bullen versorgen. Eine Kuh nach der anderen tritt gemütlich und von allein an den Melkautomat. „Der Stall macht mir am meisten Spaß“, sagt Pfaller. Sie ist mit der Landwirtschaft groß geworden, auch ihr Mann ist Landwirt. Wenn ihr Einsatz bei den Singers abgeschlossen ist, wird sie sich wieder auf eine neue Familie einstellen müssen. Wie immer weiß sie nie, was auf sie zukommt. Aber das macht ihr keine Sorgen. Mit einem Lächeln sagt sie: „Ich lass mich überraschen.“