Regio-Vermarkter in der Krise

von Redaktion

Heuer teilweise kleiner: die Kartoffeln.

Judith Schermann: Geschäftsführerin bei „Unser Land“.

Lebensmittel aus der Region vermarktet das Netzwerk „Unser Land“. Doch die Kunden zögern. © Unser Land (2), Simon/pa

Esting – Es ist ein Hilferuf: „Uns geht bald die Luft aus“, sagt Judith Schermann. „Wir reden immer von Versorgungssicherheit.“ Dafür aber müsse man die regionalen Strukturen unterstützen. Ihr Appell an Verbraucher: „Schon ein regionales Produkt pro Einkauf reicht.“ Auch wenn Kartoffeln mal kleiner ausfallen.

Die Worte der Geschäftsführerin der Unser Land GmbH zeigen: Die Regionalvermarktung steckt in der Krise. Das Netzwerk mit Sitz in Esting im Kreis Fürstenfeldbruck vermarktet rund 120 regionale Lebensmittel und arbeitet mit über 300 Landwirten in zwölf bayerischen Landkreisen sowie in München und Augsburg zusammen.

Die Branche steht unter Druck. Zum einen leidet „Unser Land“ unter Umsatzeinbußen, weil Verbraucher weniger regionale Ware kaufen. „Sie sind preissensibler geworden.“ Zumal sie selbst mit steigenden Kosten kämpfen. Zugleich ächzen Erzeugerbetriebe unter hohen Kosten für Diesel, Energie, Löhne und Verpackung. „Im Regal können wir preislich nicht mit importierter Ware mithalten.“ Und: „Unsere Handelspartner wie Supermärkte akzeptieren nur begrenzt Kostensteigerungen.“ Einige Verarbeitungsbetriebe seien schon insolvent. Die Produktpalette schrumpfte in der Krise. Denn viele Landwirte konzentrieren sich nur noch auf einzelne erfolgreiche Produkte, wie etwa den Kürbis. Obendrein hat den Bauern das Wetter heuer zugesetzt. Wegen der Dürre gingen viele Sorten in Notreife. Die Folge: kleinere Kartoffeln und weniger kleine Gurken für Cornichons im Glas. „Bei den Fischen hatten wir eine Lieferlücke“, berichtet die 32-Jährige. Im warmen Wasser konnten Forellen und Saiblinge nicht anständig wachsen.

Daneben steige der bürokratische Druck. „Immer mehr EU-Richtlinien kommen.“ Jüngstes Beispiel: Eine neue Richtlinie, die Verbraucher vor unbelegten Umweltaussagen schützen soll. Damit sich Firmen nicht als ökologischer ausgeben können, als sie sind. Die neue Regel gilt ab 27. September. Grob gesagt dürfen pauschale Begriffe wie „umweltfreundlich“, „nachhaltig“ oder „faire Preise für Erzeuger“ dann nur noch verwendet werden, wenn das eine unabhängige Stelle zertifiziert hat. „Zwar unterstütze ich den Gedanken“, betont Schermann. In der Praxis aber trifft das ihr Netzwerk ins Mark. „Wir müssen unter Umständen unser Produktdesign anpassen.“ Heißt: umetikettieren. Das kostet viel Zeit und Geld. Zumal Verpackungen oft sehr individuell gestaltet sind, mit Hofnamen und dem Foto vom Landwirt.

Doch Schermann und ihre Mitstreiter wollen nicht nur klagen, sondern handeln. Sie haben neue Absatzmärkte erobert, etwa in der Gastronomie. Und seit 2025 sind sie auf dem Oktoberfest präsent. „Das hilft uns sehr.“ Vergangenes Jahr belieferte das Netzwerk das Schottenhamelzelt und die Boandlkramerei. Heuer kommen neue Kunden hinzu: Fischer-Vroni, Kufflers Weinzelt, Poschners Hühner- und Entenbraterei, Fisch-Bäda und kleinere Stände. „Es sind zehn Partner, die uns ganzjährig unterstützen“, sagt Schermann. Geliefert werden Spätzle, Essiggurken, Tofu, Käse, Eier oder Mehl. Auch drei Tonnen Blaukraut wurden geordert. Das bescherte Schermann schlaflose Nächte. „Wegen der Dürre mussten die Köpfe noch wachsen.“ Die Ernte verzögerte sich. Am Ende ging alles gut. „Die Leute begrüßen es, die Gesichter hinter den Produkten zu sehen.“ Viele Wirte kamen auf sie zu. Auch, weil sie bei der Wiesn-Bewerbung mit Bio-Produkten punkten können.

Das bestätigt Johanna Zierl, Leiterin des staatlich geförderten Projekts „Mehr Bio auf der Wiesn“, das den Bio-Anteil auf dem Oktoberfest erhöhen soll. Für das Bayerische Bio-Siegel etwa gebe es vier Punkte bei der Wiesn-Bewerbung. Der Anreiz wirkt: Laut Zierl boten 2025 über zwei Drittel der Zelte Bio-Ware an. „Wir sind zufrieden mit der Entwicklung.“ Im Vergleich habe „Unser Land“ einen großen Sprung gemacht. Schermann gibt das Hoffnung: darauf, dass die nächste Generation die Höfe übernimmt. Damit regionale Vielfalt auf dem Teller erhalten bleibt.

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